Quer durchs Land nach Chittagong

Liebe Leser,

In diesem Beitrag möchte ich euch von unserer letzten Etappe in Bangladesch berichten. Wir sind inzwischen wieder in Deutschland, und die Reise ist somit vorerst beendet. Allerdings war unsere letzte Woche in Bangladesch nochmal so richtig erlebnisreich, sodass es jetzt viel zu erzählen gibt. Fotografiert habe ich leider sehr wenig, weil wir ein sehr straffes Programm hatten, dafür dürft ihr heute umso mehr lesen. Aber der Reihe nach:

Die letzte Woche änderte sich unsere Arbeitsweise nochmal sehr. Wir hatten in Dhakua viel gefilmt, und wollten nun noch ein paar andere Dinge aufnehmen, sodass wir sehr viel am Reisen waren. Zuerst machten wir uns auf den Weg in ein kleines Dorf ganz im Norden, das irgendwo zwischen Pachgaon und der indischen Grenze liegt. Hier ist Father Simon Hacha aufgewachsen und die Dorfgemeinschaft besteht zu einem sehr großen Teil aus seiner Familie. Unser Ziel war ein großes Familienfest der Hachas, einmal im Jahr treffen sich hier alle und feiern das Wiedersehen. Anja wollte hier mehr über die Kultur, Tänze und Musik der Mandi erfahren. Das Dorf ist nur circa 30 Kilometer von Dhakua entfernt, die Fahrt dauerte aber über drei Stunden. Hier im Norden bilden befestigte Straßen die absolute Ausnahme, die meiste Zeit holperte unser kleiner Bus über staubige Sandpisten mit tiefen Löchern. Von Straße kann hier eigentlich nicht mehr die Rede sein, jeder im Bus wurde ordentlich durchgeschüttelt. Anstrengend war bei dieser Fahrt aber besonders der Staub. Da die Straßen nicht asphaltiert sind, wirbelte jedes Fahrzeug eine riesige Staubwolke auf, sodass es besser war, im Auto eine Staubschutzmaske zu tragen. Trotzdem kamen wir irgendwann an, in einem kleinen Dorf, das direkt an der indischen Grenze liegt. Man sieht circa 500 Meter hinter dem Dorf eine Schneise und einen Zaun: die indische Grenzbefestigung. Die eigentliche Grenze liegt sogar noch davor, und ist mit Grenzsteinen markiert. Direkt nach unserer Ankunft führte uns Father Simons Schwager durch das Dorf und bis zur Grenze. Wir sind dann auch kurz nach Indien gegangen, zumindest in den Teil der noch vor der Grenzbefestigung liegt. Ich war nun also für eine Minute in Indien, meine Erlebnisse dort reichen allerdings nicht für einen eigenen Blogeintrag aus. Ich werde also wiederkommen müssen, das nächste Mal aber ganz offiziell mit Visum und längerem Aufenthalt.

Die Bewohner des Dorfes führen kein leichtes Leben. Sie bezeichnen den Grenzstreifen als “No Man’s Land”, also gewissermaßen als Niemandsland. Denn im Grenzgebiet leben sie sehr unsicher. Die Mandi aus dem Dorf mussten in der Vergangenheit immer wieder ihr Zuhause verlassen, weil es Unruhen zwischen Pakistan, Indien und Bangladesch gab. Im Grenzgebiet sind sie dann stets besonders in Gefahr und haben deswegen oft aus Vorsicht ihr Dorf verlassen. Wenn sie zurückkehrten mussten sie jedes Mal von vorn beginnen, weil andere Menschen ihr Dorf inzwischen geplündert und manchmal auch niedergebrannt hatten. Zur Zeit ist die Lage ruhig, aber Father Simon erklärte uns, dass man auch in Zukunft sicher wieder fort ziehen müsse. Ein weiteres Problem in dieser Region sind wilde Elefanten, die gelegentlich im Dorf auf Nahrungssuche gehen. Zusetzlich herrscht im No Man’s Land derzeit eine Trockenheit, sodass die Reisfelder nur einmal im Jahr bepflanzt werden konnten. Im Moment sind die Felder gelb und staubig. Sie werden allerdings zur Viehhaltung genutzt. Wir haben große Kuhherden und ihre Hirten gesehen.

Die Menschen im Dorf machten allerdings trotz aller Herausforderungen einen unbeschwerten und fröhlichen Eindruck, und empfingen uns mit großer Herzlichkeit. Das Fest fand in einem großen Zelt am hinteren Ende des Dorfes statt. Während der Veranstaltung filmten Samy und ich immer wieder einzelne Teile, die für den Film interessant sein könnten. Besonders die Tanzeinlagen und Gesänge waren für uns wichtig. So waren wir also mit der Technik beschäftigt, während Anja und Johannes vorne als offizielle Gäste saßen. Die beiden mussten dann auch auf die Bühne und ein Lied singen. Nachdem sie anfangs noch die richtige Tonlage finden mussten, klappte es eigentlich sehr gut. Die beiden sangen ein deutsches Gute-Nacht-Lied, das ich nicht kannte, das aber bei den Anwesenden auf großen Gefallen stieß. Ich glaube, alle hier waren sehr stolz, dass ihre Familienfeier von ausländischen Gästen besucht wurde. Zum Abschluss des Tages wurden drei Himmelslaternen gezündet, die nach wenigen Metern in Flammen aufgingen und in der versammelten Menge bruchlandeten. In diesem Moment konnte ich mir sehr gut vorstellen wie das Unglück im Krefelder Zoo zustande kam. Danach wurden mit mehr Erfolg ein paar Raketen gezündet, und die Menge zerstreute sich gut gelaunt. Nach ein paar Bechern Reiswein war auch für uns der Tag beendet.

Am nächsten Morgen ging das Fest direkt weiter, und wir filmten bis zum Mittag. Dann mussten wir uns allerdings auf den Heimweg machen, denn auch die Rückfahrt würde wieder ein paar Stunden in Anspruch nehmen. Ich trug diesmal meine Staubschutzmaske, war aber trotzdem die nächsten Tage etwas heißer. In den kommenden Tagen hatte ich auch immer mal wieder Nasenbluten, ich glaube, dass das auch am Staub lag. Insgesamt war das Fest allerdings sehr spannend und für unseren Film sicher ein wichtiger Bestandteil. Der Abstecher hat sich also trotz der mühsamen Fahrt sehr gelohnt.

Der Abschied aus Dhakua begann eigentlich schon am nächsten Tag, obwohl wir da noch drehten. Unseren letzten Drehtag wollten wir speziell den Kindern widmen, die wir ja inzwischen gut kennengelernt hatten, und die wir auch immer wieder schon gefilmt haben; in der Schule, beim Spielen, beim Tanzen. Im Film werden zwei Kinder etwas öfter gezeigt, und diese beiden wollten wir nun suchen und in ihrem Alltag filmen. Wir begannen mit Lina, einem kleinen Mädchen deren Eltern beide gestorben sind. Sie wohnt nun im Mädchen-Hostel und die Nonnen kümmern sich um sie. Im Mädchen-Hostel wohnen zur Zeit 17 Mädchen, die in Dakhua zur Schule gehen, deren Familien aber zu weit weg wohnen. Dementsprechend sind die Kinder im Hostel untergebracht, bis sie die Grundschule beendet haben. Die Mädchen sind zwischen neun und 15 Jahre alt. Wir versammelten uns alle im Schlafsaal und wollten uns mit den Mädchen unterhalten. Samy und ich hielten uns im Hintergrund und bedienten einfach nur die Technik, während Anja das Gespräch leitete. Interviews mit Kindern sind ja immer sehr schwierig, auch in Afrika hatte ich große Probleme, vor der Kamera mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Doch Anja hat es sehr geschickt gelöst und ganz unbefangen mit den Kindern geplaudert, bis diese die Kamera und die Tonangel vergessen hatten. Es war einfach eine entspannte Runde, in der die Mädchen erzählten, was sie gerne machen oder was ihre Lieblingsgegenstände aus ihrem Besitz sind – Haarspangen, Lippenstift oder ein kleiner Spiegel beispielsweise. Und auch Anja hat viel von sich erzählt. Anschließend hat Anja den Mädchen aus Papier gefaltete Tauben geschenkt, die die Kinder aus ihrer Gemeinde gebastelt hatten. Es war eine sehr lockere und entspannte Runde, die einem klassischen Interview nicht mehr ähnelte, aber trotzdem viel hervorbrachte.

Ich denke, dass man aus den Dingen, die die Mädchen erzählten, einen spannenden Teil des Films schneiden kann. Die Mädchen wussten auch schon, dass wir am nächsten Tag gehen mussten, und warfen uns noch Kusshände hinterher, als wir uns auf die Suche nach Schaon machten; unserem zweiten Kind. Schaon wohnt nicht im Hostel, sondern mit seiner Mutter im Dorf. Der Vater ist weggezogen oder gestorben, die Geschichten variieren. Jedenfalls ist er das komplette Gegenteil von Lina, die ruhig ist und fleissig lernt. Schaon ist ein übermütiger, verpielter kleiner Junge, und so war er auch erstmal gar nicht auffindbar als wir kamen. Seine Mutter musste ihn also suchen, und Anja entschied spontan, dass wir auch die Suche filmen sollten. Denn wie wir gehört hatten passiert es regelmäßig dass Schaon verschwindet und irgendwo Unfug treibt. Er spielt Fussball und klettert auf Bäume und manchmal klaut er Obst von den Bäumen fremder Leute. Die Lehrer haben auch erzählt, dass er gerne ihre Taschen durchsucht, wenn sie nicht im Raum sind. Trotzdem ist er ein sehr intelligenter und liebenswerter Junge, der einfach noch ein bisschen verspielt ist – und vielleicht auch ein bisschen darunter leidet, dass sein Vater nicht mehr da ist. Wir haben gefilmt wie Schaon die Hühner und Tauben füttert. Vom Verkauf der Vögel leben seine Mutter und er. Schaon stand auf dem Hof mit einer alten Blechdose in der Hand, aus der er den Vögeln trockenen Reis zuwarf, den er auch selbst währenddessen knabberte. Nach getaner Arbeit begleiteten wir ihn aufs Feld, wo er mit seinen Freunden Fussball spielte, bis sich vor Schreck eine angeleinte Kuh losriss und das Weite suchte. Danach kletterte er auf verschiedene Bäume, während Anja versuchte, ihn von unten zu interviewen. Als wir genug gefilmt hatten, legten wir die Technik beiseite und spielten mit den Kindern Fussball. Auch hier wussten die Kinder, dass wir am nächsten Tag gehen würden, und freuten sich, dass wir noch einmal mit ihnen spielten.

Ich selber drehte an diesem Tag auch noch eine kleine Runde auf den Feldern, um ein letztes Mal die Feldarbeiter zu besuchen.

Auf dem Rückweg ins Dorf wurden wir dann noch in einen Hof gebeten, vor dem Haus saßen Mädchen im Alter von 16 bis 20. Die meisten kannten wir schon flüchtig, da auch sie auf der Familienfeier von Father Simon waren, aber unterhalten hatten wir uns noch nicht. Diesmal war Father Titas dabei, und konnte uns übersetzen, sodass die Mädchen uns ausfragen konnten. Besonders ob wir verheiratet seien interessiert hier immer alle. Anja sagt dann immer stolz dass sie einen Freund hat, und alle Mädchen freuen sich für sie. Samy und ich werden dann immer unverständnisvoll gefragt warum wir noch ledig sind, in unserem Alter. Als Samy den Mädchen sagte, dass er zu viel arbeitet und deshalb kein Zeit hat, waren sie glaub ich noch erstaunter.

Im Anschluss gingen die Anderen noch zur allabendlichen Messe. Ich selbst ging  nur am ersten Abend hin, um zu schauen was in der Messe passiert, bin aber ansonsten nicht in der Kirche gewesen. Nach der Messe wurde es vor unserem Haus immer voller. Fast alle Kinder und einige Erwachsene aus dem Dorf hatten sich vor unserem Haus versammelt, und Trommeln und Rasseln mitgebracht. Es war schon dunkel draußen, als unsere offizielle Abschiedsfeier begann. In der Mitte des Platzes standen die Musiker und der versammelte Rest bewegte sich tanzend im Kreis drum herum. Anja, Samy und ich stürzten uns mitten ins Getümmel und tanzten mit den Menschen. Dieser Abend war wirklich schön. Besonders die Kinder, die uns sehr ans Herz gewachsen sind, kamen immer wieder, um unsere Hände zu halten und mit uns den letzten Abend zu verbringen. Ich selbst hatte in den zwei Wochen eine kleine Meute von Jungs aus dem Hostel um mich, mit denen ich mich gut verstand. Wir konnten uns zwar nicht unterhalten, weil die Kinder kaum Englisch sprechen, aber trotzdem habe ich viel Zeit mit den Jungs verbracht.

Wir sind gemeinsam durchs Dorf gezogen um zu fotografieren, ich habe meine Kamera auch den Kindern gegeben, damit sie sich bisschen ausprobieren konnten. Und besonders gern kamen die Kinder zu mir, damit ich sie hochhebe wie beim Gewichte stemmen. Ich hab sie auch manchmal einfach herum getragen, mich haben sie dann oft “Strongbody” genannt und sich gefreut, dass ich so viele von ihnen auf einmal heben konnte. Jedenfalls umkreisten mich an diesem Abend besonders diese Jungs und alle waren froh, nochmal zusammen Zeit zu verbringen. Irgendwann wurde es spät und der Platz lichtete sich. Zum Schluss waren nur noch die Mädchen da, mit denen wir uns am Nachmittag schon unterhalten hatten. Father Titas ist auch noch geblieben, obwohl er sehr müde war, und so konnten wir uns alle noch unterhalten. Eine von ihnen hat mir aus Spaß ihren Nachnamen verpasst und jetzt sind wir wohl verheiratet. Von einigen bekamen wir dann noch Armbänder geschenkt und Anja gaben sie traditionelle Kleidung, weil sie am Nachmittag erwähnt hatte, dass ihr die Kleider hier gefallen. Alle Menschen, die wir hier trafen, waren sehr freigiebig und um unser Wohl bemüht. Wie oft wir in den letzten zwei Wochen eingeladen wurden – und die Menschen wollten uns immer etwas anbieten. Die Gastfreundschaft ist hier sehr tief verankert.

Am nächsten Morgen entschied ich mich, doch in die Messe zu gehen, um die Leute aus dem Dorf noch einmal zu sehen. Ich setzte mich unauffällig in die letzte Reihe. Sehr viele Leute waren da, mit vielen von ihnen hatten wir in den letzten Tagen Zeit verbracht und Dinge erlebt. Gegen Ende der Messe bat uns Father Simon nach vorn, und jeder von uns durfte noch eine kleine Abschiedrede halten. Ich bedankte mich bei allen für ihre herzliche Gastfreundschaft, für ihre Unterstützung bei unserem Projekt und für die gemeinsame Zeit. Danach redete Father Simon noch auf Bangla mit der Gemeinde und erklärte ihnen, dass es uns sehr gut gefallen habe. Er erzählte ihnen, dass Johannes die Menschen hier super, und die Straßen abscheulich findet, was für allgemeines Gelächter sorgte. Dann wurde die Stimmung wieder ernster als Father Simon sagte, sie wünschten uns eine gute Rückreise, und wir wären jederzeit willkommen. Keine einzige Tür sei uns während wir hier waren verschlossen gewesen, und so soll es immer sein. Wir versprachen wieder zu kommen. Ich persönlich möchte das auch wirklich gern tun, weil ich es sehr schade fände, den Kontakt zu den Leuten hier abzubrechen. Wir bekamen in der Kirche Blumen geschenkt und dann kamen alle zu uns nach vorn um unsere Hände zu schütteln. Die Jungs waren jetzt wirklich betrübt und umarmten mich, auch der Bürgermeister drückte mich zum Abschied. Er ist ein sehr ruhiger Mann, der uns gegenüber am Anfang zurückhaltend war.

Anschließend packten wir unsere Sachen ins Auto, und viele der Kinder riefen “Come again!”.  Elion, einer der Jungs, mit dem ich mich sehr gut verstanden hatte, zog mich kurz beiseite und sagte auch ganz ernst “Come again”. Die Nonne stand daneben und meinte, er hätte gestern geweint, weil wir zurück nach Deutschland gingen: “Elion, he cry yesterday, because you going Germany.” Danach wurden wir mit lauten Rufen und Winken verabschiedet. Ich glaube wirklich, dass wir von vielen hier, besonders von den Kindern, sehr ins Herz geschlossen wurden. Und auch mir fiel der Abschied nicht leicht, weil ich doch zu einigen eine Verbindung aufgebaut hatte. Ich möchte die Menschen im Dorf sehr gern wiedersehen, und nehme mir deshalb fest vor, zurück zu kommen. Vielleicht lässt es sich mal verbinden, wenn ich nach Indien oder Nepal gehe.

Nach diesem eindrücklichen Abschied rückte für uns auch die eigentliche Heimreise immer näher. Denn nun machten wir uns zur allerletzten Etappe unserer Reise auf: nach Chittagong. Diese Stadt liegt im Süd-Osten des Landes, und ist von Maimansingh aus mittels einer 12 stündigen Zugfahrt erreichbar. Die gesamte Nacht verbrachten wir also im Zug, und am nächsten Morgen starteten wir sofort unseren letzten Drehtag. In Chittagong wollte Anja mit verschiedenen Mandi sprechen, die ihre Dörfer verlassen haben, um in der Stadt zu arbeiten. Die Stadt selbst haben wir also nur aus dem Fenster unseres Autos gesehen, aber ich war sofort beeindruckt. Denn hier in Chittagong werden riesige Schiffe zerlegt, die die Redereien zur Verschrottung anliefern. Die Arbeiter zerschneiden die Schiffe wie kleine Ameisen eine Frucht, und holen alles raus, was noch irgendwie verwertbar ist. Entlang der Küstenstraße gibt es unzählige Händler, die sich auf jeweils ein Produkt spezialisieren. So findet man Geschäfte, vor denen sich Schiffsglocken, Kojen oder die kleinen verschließbaren Komoden der Seemänner stapeln, ein paar Meter weiter türmten sich die roten Rettungsboote der Frachter. Die meisten Dinge werden nach Dhaka geliefert, wo wie bereits erzählt neue Schiffe zusammengebaut werden. Auch der Stahl selber wird wiederverwendet, und zum Schmieden gießen die Arbeiter in Dhaka das übrig gebliebene Schweröl in Löcher und zünden es an. Die Schiffe werden also nahezu vollständig recycelt. In Chittagong ist die Luft besonders trüb, und alles ist mit einer dicken, gelben Staubschicht überzogen. Ich möchte sehr gern wiederkommen um die lange Schiffsteile-Straße zu fotografieren und dokumentieren. Unser Ziel war aber eine Mandi-Arbeiterfamilie, deren Männer bei der deutschen Firma Linde angestellt sind. Der Sitz in Chittagong hat seit der Gründung circa 50 Millionen Euro Umsatz generiert. Die Männer füllen hier Industriegas in Tanks. Die Familien der Arbeiter wohnen außerhalb der Stadt, in einer fast dörflich anmutenden Komune, die extra für die Arbeiter errichtet wurde. Dort zahlen sie circa 15 Euro monatlich für ihre Miete. Ein Mann erzählte uns im Interview, dass er hierher gekommen sei, um seinen Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Er arbeitet hart, und von dem Geld können seine Kinder zur Schule gehen. Seine Familie wohnt nicht bei ihm, sondern in Dhaka. Das begegnete uns häufig. Um genug Geld zu verdienen, teilen sich sehr viele Familien auf. Allgemein arbeiten sehr viele Eltern sehr hart, um ihren Kindern Bildung zu ermöglichen, die sie selbst nie hatten. Ich habe auch deswegen den Eindruck, dass sich Bangladesch in den nächsten Jahren wandeln wird. Wenn sich Bildung immer mehr im Volk etabliert, fördert das den allgemeinen Fortschritt des Landes. Wiedereinmal hatte ich das Gefühl, dass sich Bangladesch im Moment in eine positive Richtung gestaltet.

Am Nachmittag hatten wir kurz Zeit um an die Küste zu gehen. Hier sieht man Unmengen an Schiffen im Wasser, die entweder auf ihre Zerlegung warten, oder aber den riesigen Hafen der Stadt anlaufen. Außerdem mündet ganz in der Nähe der Meghna, ein riesiger Fluss, über den die Frachter auch Städte wie Chandpur oder Dhaka ansteuern. Ein solches Gewimmel an Schiffen hatte ich zuletzt am Panama Kanal gesehen. Die Szenerie hier hatte etwas sehr gespenstiges, denn die Schiffe sah man oft nur schemenhaft, eingehüllt in die dichten Wolken aus Smog.

Am Abend unterhielten wir uns kurz mit dem Erzbischof Moses Costa, der uns für diese Nacht beherbergte. Er ist mit schwierigen Herausforderungen konfrontiert, die die Lage seines Bistums mit sich bringt. Denn hier im Südosten des Landes gibt es riesige Flüchtlingslager, in denen aus Myanmar vertriebene Rohingya unterkommen. Die Vereinten Nationen stufen sie als die „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ ein, denn in Myanmar sind sie offiziell nicht als eigenständige Bevölkerungsgruppe anerkannt. Als Staatenlose verfügen die Rohingya über keinerlei Rechte, und werden von der Regierung Myanmars unterdrückt und enteignet. Denn im buddhistischen Myanmar sind sie als muslimische Gruppe ein Dorn im Auge. Im August 2017 gab es die letzte große Flüchtlingswelle, in der 600.000 Menschen nach Bangladesch kamen. Der Erzbischof versucht diese Menschen zu unterstützen, bekommt dabei aber von der Regierung Steine in den Weg gelegt. Zum Beispiel darf er nicht ohne Genehmigung in die Chittagong Hill Tracks reisen, die Region in der viele der Geflüchteten leben. Doch auch in Chittagong selbst gibt es viele Probleme. Nur einen Tag vor unserem Besuch brannte ein Slum in der Stadt nieder, und Erzbischof Costa besuchte die Menschen, um sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Für ihn ist es dabei wichtig, dass sich seine Hilfe nicht auf Christen beschränkt, sondern allen Menschen zugute kommt, egal welcher Religion sie angehören. Eine sehr gute Einstellung! Der Besuch hier machte mich sehr nachdenklich, und gern wäre ich geblieben um mehr über die Lage zu erfahren.

Aber schon am nächsten Morgen mussten wir zurück nach Dhaka, denn unser letzter Reisetag stand bevor. Wir fuhren wieder mit dem Zug, diesmal bei Tageslicht, und nun offenbarte sich uns noch eine andere Seite des Landes. Entlang der Gleise leben die Ärmsten der Armen. Die Menschen, die wirklich nichts besitzen, bauen sich kleine Zelte entlang der Gleise, weil es sonst für sie nicht möglich ist einen Platz zu finden. Wir hatten es auch in den vergangenen Tagen hin und wieder gesehen. Es gibt in Bangladesch auch große Slums und viele Menschen, denen es sehr schlecht geht. Als Gäste der Mandi waren diese Gruppen nicht besonders oft in unserem Blickfeld, denn die Mandi leben verhältnismäßig gut. Ich habe deshalb nicht viel vom Leben der ganz armen mitbekommen. Auch deshalb möchte ich gern nach Bangladesch zurück, um mehr über das Leben dieser Menschen zu recherchieren. Aus der Eisenbahn heraus kann man sie nur schemenhaft vorbei ziehen sehen. Der Bahnhof ist dann wieder das Tor zu dem Bangladesch, das uns eher vertraut war: laut und chaotisch, aber funktioniert.

In Dhaka führte uns Father Simon zum Jatiyo Sriti Shoudho, dem Denkmal für die im Unabhängigkeitskrieg gefallenen Soldaten. Anschließend zeigte er uns noch das Parlamentshaus des Landes. Wir besuchten außerdem noch zwei Familien, die auch aus den Mandi-Dörfern stammen, nun aber in Dhaka arbeiten und leben. Beide waren eher wohlhabend und kauften uns auf den Märkten noch ein paar Andenken an ihr Land, bevor wir uns entgültig auf den Heimweg machten. In der Nacht flogen wir von Dhaka nach Doha, und von dort mit dem A380 nach Frankfurt. Die winterlichen Landungen in Frankfurt sind immer gleich. Man fliegt durch die Sonne, danach durchbricht man die Wolken und der Blick auf eine graue, farblose Stadt öffnet sich. Wir waren zuhause. Von Anjas Mutter wurden wir dann nach Offenburg gefahren und die Reise war vorbei.

Wie geht es nun weiter? Anja wird den Film zusammen mit einer Mitstudentin schneiden, was sicherlich einige Wochen und Monate dauern könnte. Ich selbst bin nach wie vor mit der Postproduktion von Born and raised in Accra beschäftigt, auch hier benötige ich noch ein bisschen Zeit. Ich denke dass der Filmschnitt erst im März oder sogar April fertig sein wird. Gleichzeitig denke ich über neue Projekte nach. Im August oder September möchte ich als Bachelor-Arbeit wieder einen Dokumentarfilm im Ausland drehen. Gerne würde ich davor schonmal zwei Wochen verreisen, denn für eine weitere Abgabe der Hochschule hatte ich eine Idee: Da mir das Schreiben und Fotografieren genauso viel Spaß macht wie das Filmen, will ich gern mal eine Reise antreten, in der ich mit den Menschen ins Gespräch komme, um anschließend eine Reportage zu schreiben, so wie es als Format in Magazinen üblich ist. Das Schreiben in Bangladesch hat mir sehr großen Spaß gemacht, und ich würde diesen Zweig auch beruflich nicht vernachlässigen wollen.

Vielen Dank an alle, die mich und uns bei dieser Reise begleitet haben. Mir fiel es leider sehr schwer mich kurz zu fassen, aber Bangladesch war als Reiseland einfach so vielseitig und spannend, dass es eine Menge zu berichten gab. Man hat dieses Land ja auch nicht unbedingt auf dem Schirm, ich hoffe, dass sich viele Leser nun ein etwas besseres Bild machen können.

Bei der nächsten Reise geht es an dieser Stelle weiter, ich werde euch vorher auf Facebook und Instagram informieren.

Bis bald also,
Jonas

PS: Hier folgen noch meine Lieblings-Schnappschüsse, die die Jungs mit meiner Kamera gemacht haben.

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5 Antworten

  1. Birgit Haas sagt:

    Vielen Dank lieber Jonas!
    Tolle Bilder, danke für deine Worte. Ich glaube da kann man nie zu ausführlich sein. Wünsche dir weiterhin alles Gute und freu mich natürlich auf den Film!!!!! LG Birgit

  2. Heiko Rudek sagt:

    Geschrieben und fotografiert als sei man selbst mit dabei gewesen! TOLL! Gefällt mir sehr! Du hast das Zeug zum schreiben und fotografieren! Bleib dran… mach GENAU SO weiter! Freue mich jetzt schon auf alles was noch kommt! Heiko

    • Jonas sagt:

      Vielen Dank fürs Lesen und für dein Lob! Ich freue mich sehr dass die Texte so gut ankommen 😀 Ich gebe mir auch in Zukunft größte Mühe! Liebe Grüße, Jonas

  3. Simone sagt:

    Puh. Die Tränen fliesen. Ich kenne ja schon viele Geschichten aus Bangladesch, weil ich zu den Sternsingern gehöre. Aber du hast diese Nähe nochmals besonders gut rüber gebracht.
    Vielen Dank
    Simone

  4. Hansjörg Nothelfer sagt:

    zufällig bin ich auf den Blog von Jonas gestoßen, hatte jedoch schon im Febr. von Eurem Filmprojekt erfahren. Die Fotos und der Text sind ganz toll. Sie vermitteln einen guten Einblick in das Land, die Menschen und besonders die Mandis. Father Simon, der schon mal bei mir in Karlsruhe war, ist ja ein echter Maid. Ich wünsche Eurem Film einen guten Abschluss und bin darauf gespannt, was Ihr daraus gemacht habt. Liebe Grüße an Euer Team und besonders an Anja.

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