Der Wille Gottes
von Jonas · 26. Oktober 2018
Liebe Leserinnen und Leser,
heute möchte ich wieder aus dem kleinen zentralamerikanischen Land berichten, das seit ein paar Monaten meine Wahlheimat ist. Heute geht es um eine interessante Art der Religionsausübung, die in einer kleinen Stadt an der Karibikküste Panamas betrieben wird. Wir waren in Portobelo und haben ein ungewöhnliches, spannendes und eindrückliches Wochenende durchlebt. Dazu gleich mehr. Ich beginne aber erstmal mit einem kurzen Update zu meiner Tätigkeit als Praktikant.
Ich bin nach wie vor bei Cine Animal in Panama City angestellt, um das Praxissemester zu absolvieren. Wie ihr im letzten Beitrag schon lesen konntet, beschäftigt mich im Moment ein Großprojekt, das sehr viel Zeit beansprucht: eine Videoausstellung für das Bio Museo, das Naturkundemuseum der Stadt. Dafür schneide ich 47 Kurzfilme, die die panamesische Kultur, Tradition und Natur vorstellen. Für den Auftrag haben wir einen sehr straffen Zeitplan. Bis zur zweiten Novemberwoche muss alles fertig sein. Die Dreharbeiten sind mittlerweile fast abgeschlossen, und ich befinde mich in der Postproduktion. Während die Drehs von meinem Chef Tomas organisiert und angeleitet wurden, bin ich im Schnitt fast vollständig mein eigener Herr. Tomas ist nämlich wegen verschiedener Filmfestivals in Chile gewesen und jetzt noch in Japan, sodass ich im Prinzip alles selbstständig fertigstelle. Ich freue mich sehr über das Vertrauen, das ich hier bekomme, und vor allem über die umfangreiche Erfahrung, die ich sammeln kann. Allerdings ist es auch extrem viel Arbeit, sodass ich von Montag bis Samstag regelmäßig neun oder zehn Stunden im Büro bin. Der Schnitt macht mir großen Spaß, weil das Material für mich als Besucher des Landes natürlich noch spannender ist. Auf der anderen Seite habe ich dementsprechend leider recht wenig Zeit, um mit Eric oder anderen Menschen Zeit zu verbringen. Meine Aufgaben sind zum Ersten der Schnitt, danach die Vertonung der 47 Filme und zum Schluss die Farbkorrektur, passend auf die im Museum verwendeten Bildschirme. Der ganze Prozess findet in enger Absprache mit dem Museum statt, das regelmäßig Vorschläge, Wünsche, Lob oder Verbesserungen einbringt. Es ist also ziemlich komplex, teilweise auch ein bisschen unübersichtlich, aber trotzdem rechtzeitig machbar, denke ich. Von daher bin ich sehr zufrieden, denn gerade weil ich so viel Zeit auf der Arbeit verbringe, habe ich mich schon extrem weiterentwickelt.
Hier noch ein paar Fotos von unserem aktuellen Projekt:
Am Abend und an den Sonntagen lebe ich ein recht gemütliches Leben in der Stadt. Inzwischen haben wir uns so gut eingelebt, dass wir unsere Routine haben. Gelegentlich geht es zum Sport in einen der kostenlosen Fitnessparks, am liebsten an der Küste. Ab und zu gehen wir in diverse Malls oder auf den Gemüsemarkt. An den Samstagen füllen wir ein riesiges Kinderplanschbecken auf unserem Balkon mit 400 Litern heißem Wasser, trinken gemütlich im Wasser ein Bier und schauen uns alte Bilder von früher an. Ich habe erfolgreich Erics Haare geschnitten und irgendwie ist unser Wäschetrockner kaputtgegangen. Wir führen ein ruhiges, normales Alltagsleben – produktiv und zielgerichtet mit gelegentlichen Pausen. Soweit, so gut. Auf diese Art und Weise geht es vermutlich weiter, bis ich das Museumsprojekt abgeschlossen habe.
Nun aber zum eigentlichen Thema: Wir werden über Gott sprechen. Beziehungsweise über eine spannende Form von religiöser Tradition, die ich hier in Panama beobachten durfte.
In Panama sind die meisten Menschen praktizierende Katholiken. Ich interessiere mich sehr für den Glauben verschiedener Menschen, auch wenn ich selbst nicht religiös bin. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass uns die Dreharbeiten für ein Wochenende nach Portobelo führten. Das ist eine kleine Stadt an der Karibikküste nördlich von Panama City. Es ist eine historisch bedeutsame Stadt. Hier hat im Jahr 1502 Kolumbus angelegt. 1561 wurde Portobelo zum Anlaufpunkt der spanischen Silberflotte. Dementsprechend entstand hier eine reiche und sehr schöne Kleinstadt im spanischen Kolonialstil. Weil sie regelmäßig von Seeräubern angegriffen wurde, haben die Menschen außerdem einige Fords errichtet. All das kann man noch heute bewundern, auch wenn die Stadt inzwischen Verfallsspuren aufweist.
Historisch war die Stadt auch Anlaufpunkt für Sklavenschiffe, die mit ihren Gefangenen aus Afrika anlegten und sie hier an Land brachten. Noch heute ist die Stadt zu einem großen Teil von Menschen mit afrikanischen Wurzeln bewohnt. Portobelo ist auffällig bunt, lebhaft und vor allem musikalisch. Die Bewohner der Stadt haben auch einen ganz besonderen Feiertag eingeführt, ein Fest zu Ehren des „Cristo Negro“ – des schwarzen Christus. Der dunkelhäutige Christus steht als große Statue in der lokalen Kirche. Jedes Jahr am 21. Oktober findet die Ehrenfeier statt und zieht Pilgerscharen aus dem ganzen Land in die kleine Stadt.
Es wird gar nicht so leicht, all meine Eindrücke zu schildern, aber ich werde es versuchen.
Als wir am Samstagabend in Portobelo ankamen, fiel mir sofort auf, dass die kleine Stadt von Menschen geradezu überflutet war. Zehntausende Katholiken pilgern jedes Jahr in die Stadt, schon weit vor der Stadt sah man sie am Straßenrand laufen. In Portobelo angekommen, tauchten wir ein, in ein buntes Chaos aus Menschen, Autos und unzähligen Marktständen, die Kerzen, Kreuzketten, schwarze Jesusfiguren und Alkohol feilboten. Die Stadt platzte aus allen Nähten, in den meisten Straßen konnte man sein eigenes Wort nicht verstehen. Ein wenig später brannte sogar ein kompletter Marktstand nieder. Und mit ihm ein wichtiger Strommast, sodass wir die folgenden Tage ohne Elektrizität lebten.
Das Ziel der Menschenmassen war die kleine – viel zu kleine – Kirche in der Stadtmitte. Auch hier hatten sich bereits unzählige Menschen versammelt, und in der Mitte stand, in ein violettes Gewand gehüllt, der hölzerne, dunkelhäutige Christus auf einer circa fünf Meter langen tragbaren Plattform. Ein wenig später bemerkte ich die ersten Pilger, von denen es am Sonntag noch viel mehr geben sollte. Die Pilger, die ohnehin schon unglaublich weite Fußmärsche aus ihrer Heimatstadt zurückgelegt hatten, haben sich hier ein besonderes, vielleicht auch erschreckendes Verhalten angewöhnt. Sie kriechen die letzten Kilometer bis zur Kirche auf ihren Knien. Manche legen sich sogar auf den Rücken und schieben sich über den Boden. Oder sie liegen auf der Seite und rollen sich durch die Stadt bis durch die heiligen Pforten. Währenddessen werden sie von anderen Menschen mit heißem Wachs übergossen. Eine weitere Person läuft jeweils vor dem Pilger her, und trägt ein kleines Modell der Kirche, um die Motivation aufrechtzuerhalten. Die Menschen rufen dabei Dinge wie „Kein Schmerz“ oder „Er lebt!“. Das Ziel scheint zu sein, möglichst viel Schmerz zu erleiden und zu ertragen. So zeigt die Pilgerschar ihre Dankbarkeit für das große Opfer des gekreuzigten Christus. Am Sonntag nahm der Strom der sich geißelnden Menschen weiter zu. Gelegentlich sah ich, wie die sengende Hitze und die körperliche Anstrengung den ein oder anderen Pilger niederstreckten. Die ohnmächtigen Gläubigen wurden dann vom Roten Kreuz auf Tragen weggebracht. Der Großteil der Pilger schaffte es zum Glück bis in die Kirche. Viele brachen in Tränen aus, als sie dort ihre Gebete sprachen. Mich hat dieser Anblick sehr nachdenklich gemacht. Diese Menschen waren bereit, wegen ihres Glaubens so starke Schmerzen und Leiden auf sich zu nehmen, obwohl natürlich niemand beweisen kann, ob irgendeine Form von göttlicher Kraft überhaupt existiert. Und wenn man es könnte, welche Religion hat dann recht? Ich finde es immer wieder faszinierend, mit welcher Überzeugung viele Gläubige verschiedener Religionen glauben, dass sie recht haben. Irgendwie ist das auch etwas Schönes, obwohl mir natürlich jeder leidtut, der sich hier schinden „musste“. Doch die Menschen waren voller Begeisterung und Überzeugung dabei, und waren von der Wichtigkeit ihres Opfers überzeugt. Und somit gibt ihnen ein solches Fest sicherlich ein euphorisierendes Gefühl.
Irgendwann waren alle Pilger endlich in der Kirche (oder im Krankenhaus). Nun begann der eigentliche Höhepunkt der Feierlichkeiten. In der Kirche wurde ein Gottesdienst abgehalten, der mit Musik, Tanz und begeisterten Zwischenrufen sehr lebhaft war. Das Chaos vergrößerte sich, als sich die Menschenmenge nach Ende der Veranstaltung aufmachte, den schwarzen Jesus durch die engen Gassen der Stadt zu tragen. Ich stand zu diesem Zeitpunkt in der Ecke des Marktplatzes, um mit dem Mikrophon die begeisterten Rufe der Menge aufzuzeichnen, als der hölzerne Christus direkt auf mich zukam. Von ungefähr 40 Männern getragen, hatte die sänftenartige Plattform mit der Christusfigur die Kirche verlassen und machte sich langsam auf den Weg in die Stadt. Sehr langsam, um genau zu sein, denn auf drei Schritte vorwärts folgen immer zwei Schritte nach hinten. Plötzlich kam der gesamte Zug so nah an uns heran, dass die Menschen in meiner Ecke des Marktes von den Massen geschoben und gepresst wurden. Immer mehr Menschen versammelten sich in unserer Ecke und erhöhten so gefährlich den Druck auf uns in den hinteren Reihen. Ich hatte für einen kurzen Moment wirklich Angst, dass unter dem Druck von tausenden schiebenden Menschen ein paar Rippen brechen könnten. Glücklicherweise brach stattdessen die Holzhütte hinter uns zusammen. Das kleine Haus fiel einfach um. Wir kletterten über die Trümmer, um zu fliehen. Von dieser Erfahrung ein wenig verstört, verbrachte ich die nächsten Stunden auf dem Balkon unserer Wohnung, während die begeisterte Menge langsam durch die Stadt zog.
Irgendwann machte ich mich dann erneut mit meinem Soundrekorder auf den Weg, diesmal in die Kirche, die zu diesem Zeitpunkt recht leer war. Doch dann kam auch der hölzerne Jesus zurück, und die Kirche füllte sich schlagartig. Als die Figur durch die Türen getragen wurde, warfen einige der Menschen Konfetti. Alle Menschen brachen in begeisterten Jubel aus – oder weinten. Ich widmete mich pflichtbewusst meinem Rekorder – bis direkt vor mir ein Tumult ausbrach. Ein paar Menschen hatten eine zweite tragbare Plattform gebaut, die ein wenig kleiner war, und diese in die Kirche gebracht. Das war vermutlich nicht eingeplant, denn sie wurden direkt von zwei Polizisten angesprochen. Die Situation entwickelte sich schnell zu einem wütenden Streit. Keine Minute später umkreisten circa zwanzig Polizisten die kleine Gruppe und schoben sie unsanft aus der Kirche. Draußen wurden sie, samt ihrer inzwischen leicht beschädigten Trage, die Treppen hinuntergeworfen. Die restlichen Versammlungsteilnehmer reagierten wütend auf die grobe Exekutive. Irgendwann habe ich es dann auch selbst geschafft, mich aus der Meute herauszukämpfen, und konnte die Kirche verlassen. Während im Hintergrund das abschließende Feuerwerk gezündet wurde, machte ich mich nachdenklich auf den Heimweg.
Seit Montag bin ich nun wieder in Panama City und schneide die 47 Kurzfilme, darunter auch den Kurzfilm über das Fest in Portobelo. Ich habe über die Erlebnisse vom Wochenende viel nachgedacht. Ich glaube, dass Religionen in Ländern wie Panama eine sehr viel größere Bedeutung haben als bei uns, weil auch die Nöte vieler Menschen hier größer sind. Ein Glaube gibt ja auch Halt in schwierigen Zeiten. Und gleichzeitig ist es Teil einer langen und reichen Kultur und Tradition, die hier nach wie vor gelebt wird. Das ist eigentlich etwas Positives. Andererseits hat es mich auch ein wenig traurig gemacht, dass man hier den „Willen Gottes“ so auszulegen scheint, dass es zu Selbstverletzung führt. Als Außenstehender kann ich eine solche Veranstaltung natürlich nur beobachten, aber nicht bewerten. Wie wichtig die Erlebnisse des Wochenendes für die anwesenden Pilger waren, kann ich nur erahnen. Ich bin einfach froh, dass ich es unverletzt aus der chaotischen Stadt herausgeschafft habe, trotz Brand und angehender Massenpanik.
Wer mal die Chance hat, sich dieses Fest anzuschauen, sollte es auf jeden Fall tun. Es ist hochinteressant und eindrucksvoll. Und auch abseits der Feierlichkeiten ist die Stadt immer einen Besuch wert.
Liebe Grüße,
Jonas



















































Wow, alles sehr interessant, wobei natürlich jeder die Ereignisse anders interpretierten würde.
Besonderen Spaß hat mir der afrikanisch-stämmig Mann mit Handy gemacht (7. Bild von oben), der seine Brille verkehrt herum auf der Nase hat. Solche, sagen wir mal “unkonventionelle” Verwendungsarten von Gegenständen kenn ich auch schon direkt von Afrika: jeder zeigt, was er hat, aber er zeigt es auf eine “besondere Art”.
Bleib weiterhin schön gesund!
Ganz schön schräg, was da so abgeht… Gut das es da noch Holzwände gibt, oder?
Und dann geht noch der Strommast in Flammen auf… Ist da die Feuerwehr ange-rückt oder haben die die Bude gezielt abbrennen lassen? Und : “harter polizeilicher Durchgriff gegenüber unrationalen Menschen…” schmunzel, schmunzel
Da haste uns wieder sehr beeindruckende Bilder und Erlebnisse gezeigt.
Vielen Dank und sei recht herzlich gegrüßt von unsen allensen