Auf dem Weg in Kubas Osten

Liebe Leserinnen und Leser,

seit ich das letzte Mal aus Santa Clara geschrieben habe, sind ja nun schon vier Tage vergangen. Diese Zeit haben wir natürlich genutzt, um möglichst viel von Kuba zu sehen. Durch den Mietwagen sind wir sehr flexibel. Wir haben uns angewöhnt, an den meisten Vormittagen ein paar Stunden zu fahren und die Nachmittage – oder gelegentlich auch einen kompletten Tag – mit der Erkundung der jeweiligen Orte zu verbringen. Allein das Fahren ist schon ein Abenteuer. Viele Straßen – sogar einige der „Highways“ – sind sehr kaputt. Man muss aufmerksam nach Schlaglöchern Ausschau halten, die teilweise wirklich ein ganzes Rad zerstören könnten. Noch chaotischer sind die unzähligen Fußgänger, Pferdekutschen, Fahrradtaxis und Straßenhändler, die sich ganz selbstverständlich auf der Straße bewegen. Selbst Tiere laufen kreuz und quer zwischen den Autos. Aber abgesehen von diesen Herausforderungen sind die Strecken landschaftlich sehr schön, und auch die vielen kubanischen Orte sind so spannend, dass es im Auto eigentlich nie langweilig wird.

Das letzte Mal habe ich geschrieben, als wir in Santa Clara. Diese Stadt ist touristisch eigentlich weniger interessant, weil es – zumindest für Touristen – nicht so viel zu entdecken gibt. Aber das kubanische Leben erfährt man auch hier hautnah auf den Straßen.

Von Santa Clara aus sind wir nach Morón gefahren. Dieser kleine Ort liegt an der kubanischen Nordküste. Wir haben ohne Probleme eine Casa zum Übernachten gefunden. Ganz in Pink gehalten, erinnerte dieses Haus stark an eine Puppenstube. Morón fand ich sehr spannend, da in diesem Ort ganz offensichtlich viele arme Menschen wohnen. Nur an der Hauptstraße waren die Häuser gut gepflegt, dahinter gab es aber sehr viele zerfallende Gebäude und provisorisch gestaltete Grundstücke.

Das Kontrastprogramm zu diesem ärmlichen Ort erlebten wir am folgenden Tag. Da sind wir über einen viele Kilometer langen Damm auf die Insel „Cayo Guillermo“ gefahren. Das Eiland gehört zu einer ganzen Inselgruppe, die wegen ihrer wunderschönen Mangrovenwälder und weißen Sandstrände auch als „Jardines del Rey“ (Gärten des Königs) bezeichnet wird. Hier haben wir einen ganzen Strandtag eingelegt.

Die nächste Etappe war der bisher spannendste Teil unserer Kubareise: Wir sind am Samstag in Richtung Turquino-Nationalpark gefahren. Der ist ein absolutes Muss auf jeder Kubareise. Von Morón hierher in den tiefsten Süden des Landes fährt man einige Stunden. Doch bereits von Weitem sieht man die Berge des Nationalparks. In diesem Teil Kubas erheben sich große Gebirgszüge. Dazwischen liegen in tiefen Tälern idyllische Bauerndörfer. Für wenig Geld haben wir in der größten Stadt dieser Gegend, in Bartolomé Masó, übernachtet, diesmal sogar in einem Hotel, das auf dem Gipfel eines kleinen Berges gebaut war. Wir hatten eine kleine Hütte komplett für uns, mit Blick auf die naheliegenden Berge. Am Abend gab es guten Rum auf der Dachterrasse des Hotels, doch in den Stunden davor hatten wir uns noch in der Stadt umgesehen. Hier in den Bergen leben die Menschen sehr einfach. Eine große Zuckerfabrik liegt im Stadtzentrum und hüllt die ganze Innenstadt in einen süßlichen Duft. Drumherum liegen viele Marktstände, wo man für wenige Cents belegte Brötchen oder frittierten Fisch auf Bananenchips bekommt. Die Stadtbewohner sind entweder in der Zuckerfabrik angestellt oder arbeiten als Bauern auf den Feldern.

Ganz früh am Montag fuhren wir noch tiefer in die Berge. Ein steiler und ziemlich holpriger Pass führte uns in das Bergbauerndorf Santo Domingo. Hier gibt es nur eine schmale Straße und viele kleine Bauernhöfe, die sich entlang eines Flusses aufreihen. In Santo Domingo steht wirklich die Zeit still. So fernab von anderen Städten leben die Leute hier mit dem Nötigsten. Es scheint aber an nichts zu fehlen. Die Dorfbewohner kommen mir fröhlicher vor, als die Kubaner in den größeren Städten. Und das, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie nicht viel mehr außer ihrer kleinen Holzhütte und ein paar Tieren haben. Wir sind ein bisschen im Tal spazieren gewesen und haben die Bauern bei ihrer Arbeit beobachtet. Wir haben im Fluss gebadet, während ein paar Meter weiter ein kleines Mädchen ihr Pferd wusch. Am Abend haben wir ein sehr schönes kleines Restaurant gefunden – die Casa Sierra Maestra. Der Wirt hatte nicht einmal eine Speisekarte, aber direkt nachdem wir Platz genommen hatten, trug er viele verschiedene Speisen aus regionalen Zutaten auf. Zum Beispiel gab es Süßkartoffelsuppe, salzig panierte Bananen und frischen Sternfruchtsaft.

Ein spannender Ort in der Nähe von Santo Domingo ist das Rebellenlager und ehemalige Versteck von Fidel Castro hoch oben in den Bergen. Die sogenannte „Comandancia de la Plata“ war das Versteck der Revolutionäre um Fidel Castro, während sie die Revolution vorbereiteten. Ich war überrascht, dass nur sehr wenige Touristen dabei waren, obwohl die Wanderung in den Bergen sehr schön ist. Spannend ist nicht nur die Anfahrt zum Startpunkt über Kubas steilste Straße (angeblich 45 Grad Neigung), sondern auch die schönen Panoramen während der Wanderung. Am Ziel hat man dann Zugang zum Rebellenlager – einer kleinen Kommune von sehr gut versteckten Hütten –, das jetzt quasi ein Museum ist.

Am Abend bin ich in Santo Domingo noch an der Grundschule vorbeigekommen. In einem Klassenzimmer war noch eine Lehrerin, die ein paar Arbeiten korrigierte. Sie hat mich dann kurz durch die Schule geführt. Auch die Schule war recht schlicht. Vier kleine Klassenzimmer und eine Bibliothek gibt es hier, um die Kinder aus den umliegenden Bergdörfern in Spanisch, Mathematik, Geschichte, Kunst, Geografie und sogar Englisch zu unterrichten. Auf den Tischen standen Pappbecher mit abgegriffenen Bleistiften. Ich hatte aus Deutschland sehr viele Kugelschreiber mitgebracht, und sie nun an die kleine Bergschule verschenkt.

Die folgende Nacht wurde auf außergewöhnliche Weise unterbrochen. Ein Erdbeben der Stärke 5,4 erschütterte die Region rund um Bartolomé Maso. Das laute Grollen und das wirklich starke Erzittern des ganzen Hauses rissen uns aus dem Schlaf. Alle Dorfbewohner waren aufgewacht, und die Gäste des nahen Hotels wurden evakuiert. Das Erdbeben war zwar stark, doch die kleinen Hütten im Dorf sind unbeschädigt geblieben.

Wesentlich gefährlicher war für uns der nächste Tag. Für den Dienstag hatten wir uns eine Strecke nach Santiago de Cuba herausgesucht, die rund 50 Kilometer lang durch den Nationalpark verläuft. Es handelt sich um einen kleinen Pass über die Berge bis ans Meer. Er verbindet ein paar kleine Dörfer, wird aber kaum genutzt. Ein paar Kubaner meinten, dass der Pass eher für Geländewägen, aber nun in der Trockenzeit auch für normale Autos passierbar sei. Wir haben uns auf den Weg durch die Berge gemacht, und unser Auto dabei vor unglaubliche Herausforderungen gestellt. Wir mussten einen Fluss durchqueren. Und an einer besonders steilen Stelle rutschten wir minutenlang immer wieder die Straße hinunter. Der Pass von Bartolomé Maso an die Südküste Kubas ist für normale Autos auf gar keinen Fall zu empfehlen, und leider merkten wir das erst dann, als wir nicht einmal mehr umkehren konnten. Dass wir es noch ohne Panne nach Santiago de Cuba geschafft haben, war großes Glück.

Erst nach vier Stunden kamen wir an der Küste an. Die Straße, die dann nach Santiago weiterführte, war ebenfalls in einem schlechten Zustand. Das Meer hatte Teile der Straße schon weggespült, und einige Brücken waren schon völlig in sich zusammengesackt. Für eine eigentlich kurze Strecke haben wir an diesem Tag viele Stunden gebraucht.

Wir sind nun aber unbeschadet in Santiago angekommen und werden hier die nächsten Nächte verbringen. Danach geht es wieder westwärts – diesmal in Richtung Trinidad.

Jetzt liegt die erste Hälfte unserer Kubareise bereits hinter uns. Es kommt mir vor, als ob wir schon sehr viel länger hier wären. Wir haben so viel über die Kubaner und ihre Kultur gelernt, so viel Spannendes und Außergewöhnliches gesehen und unternommen, dass ich mich noch mehr auf die kommenden Wochen freue.

Liebe Grüße,
Jonas

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1 Antwort

  1. Papa sagt:

    Bist ja echt in einer anderen Welt gelandet! Ich weiß gar nicht, ob Fidel Castro nach seiner Revolution dort 1959 auch die Uhren angehalten hat… Die Oldtimer stammen zumindest ja von VOR dieser Zeit – als Kuba noch fröhlich moderne Ami-Schlitten importierte.
    Du musst unbedingt mit einem BUIK fahren oder – wie die Olsenbande – mit einem Chevi Bel Air (beide mit durchgehender vorderer Sitzbank)! Das vergisst du nie und wirst es auch nie wieder tun, meine ich.
    Unsere Familie hatte ja bis 1977 einen Moskwitsch 407 – ist genau so eine Schüssel! In den 50ern ein topmodernes Auto, gut für nicht vorhandene Straße, nur in russisch und: vorne kann ebenfalls schon mal die halbe Familie sitzen!
    Hab ich auch nie vergessen!
    Tja und heute bekommen die Kubaner auf dem Oldtimermarkt sicher 2 Peugeot 108 für einen über 50 Jahre alten BUIK. Oder die Insel wird – samt ihrer Autos – unter technischen Denkmalschutz gestellt und jeder Auto-besitzende Kubaner bekommt UNESCO-Fördermittel. Zur weiteren Erhaltung dieser “Weltkultur” 🙂
    Viele Grüße über`n Teich an euch!

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