Weihnachten im Dschungel
von Jonas · 30. Dezember 2018
Liebe Leserinnen und Leser,
ich hoffe, ihr alle hattet eine schöne und entspannte Weihnachtszeit. Morgen steht der Jahreswechsel an. Eric und ich haben die Feiertage auf ganz besondere Weise verbracht. In den letzten Tagen durfte ich eine komplett neue Reiseerfahrung machen.
„Von Aufenthalten im Osten und Süden der Urwaldprovinz Darién wird dringend abgeraten. Dort bestehen hohe Sicherheitsrisiken. In dem Gebiet operieren kriminelle Organisationen und vereinzelt illegale, bewaffnete Gruppen aus Kolumbien, die auch vor Waffengebrauch nicht zurückschrecken.“ – Das Auswärtige Amt über unser Reiseziel: Darién
Einige Tage vor Weihnachten war es soweit. Mein Praktikum in Panama City war abgeschlossen! Sehr erfolgreich, wie ich finde. Ich habe nicht nur meine Projekte fertiggestellt. Ich habe währenddessen unglaublich viel gelernt, mir (relativ) präzise Zukunftspläne überlegt und sehr viele großartige Menschen kennengelernt. Von Panama habe ich in den letzten Monaten sehr viel gesehen. Ich bin also völlig zufrieden mit dem Verlauf meines Praktikums. Für die Webseite von Cine Animal habe ich einen Beitrag speziell über das Praktikum ausgearbeitet. Und dann begann endlich unsere große Reise. Für die nächsten zehn Wochen würden Eric und ich durch Panama und Ecuador reisen.
Als erste Etappe unserer Panama-Rundreise wählten wir Darién im Osten des Landes. Die Darién-Region war für mich schon lange ein interessantes Ziel. Aber es ist auch ein Ort, von dem man viele teils abschreckende Geschichten und Gerüchte vernimmt. Der Darién ist eine recht abgeschottete Gegend, ein riesiger Regenwald vor der Grenze zu Kolumbien. Selbst der transkontinentale Pan-American Highway wird hier unterbrochen. Es ist die einzige fehlende Verbindung im gesamten Verlauf durch Nord- und Südamerika. Die letzte Stadt in Panama ist Yaviza. Dort endet der Highway abrupt in einem Fluss und dahinter kommt nur noch dichter Wald. Im Regenwald gibt es ein paar kleine Dörfer der lokalen indigenen Völker der Emberra und Kuna, und im Süden eine große Bucht, den Golf von San Miguel. Dort liegen einige Orte, die nur mit dem Boot erreicht werden können. In der sogenannten „Darién-Gap“ zwischen Panama und Kolumbien gibt es außerdem vermehrt Guerilla-Aktivitäten, was auch auf den Drogenschmuggel von Süd- nach Nordamerika zurückzuführen ist. Vor der Reise hatte ich ein recht zwiegespaltenes Bild von der Region. Ich stellte es mir sehr schwierig und auch ein bisschen gefährlich vor, in den Darién zu reisen. Trotzdem gab es zwei Gründe, die mich in den Osten Panamas lockten: Ich wollte die indigenen Menschen im Regenwald kennenlernen und mir die Stadt Yaviza ansehen.
Ich habe viele Stunden recherchiert, wie man als Tourist sicher in den Darién kommt. Yaviza ist von Panama City aus mit dem Bus erreichbar. Aber für einen Besuch der Ureinwohner fokussierte ich mich auf die Golfregion, denn hier kann man sich immerhin mit dem Boot fortbewegen. Auf verschiedenen Reiseblogs hatte ich gelesen, dass Reisende die ein oder andere Schwierigkeit bei der Einreise in die Region erlebten. Die extra für den Darién ausgebildete Militäreinheit Senafront ließ Touristen scheinbar nur nach sehr aufwendigen Befragungen passieren. Ich hatte gelesen, dass oft die Einreise verwehrt wurde, oder dass der öffentliche Bus einfach abfuhr, noch während die Menschen von der Senafront ausgefragt wurden. Trotzdem muss es ja möglich sein, denn genug Menschen hatten die Region schon erfolgreich bereist. Ich dachte mir, die Voraussetzung für ein schnelles Einreisen sind eine sehr gute Vorbereitung, und Dokumente, die den Senafrontiers unsere Reiseabsichten belegen.
Mit Panamas Ureinwohnern leben – eine Reise nach La Chunga
Nach einer Weile des Suchens fand ich ein indigenes Dorf, das gelegentlich Touristen empfängt. Der Ort La Chunga liegt am Río Sambú mitten im Regenwald. Etwa 30 Familien leben hier. Einer der Dorfbewohner, Solarte, ist vor mehreren Jahren nach Panama City ausgewandert und hat ein paar kleine Hütten seines Bruders bei AirBnB eingestellt. Ja, richtig: Im 21. Jahrhundert kann man im Internet eine Übernachtung im tiefsten Dschungel arrangieren. Die Hütten bieten natürlich nicht viel Komfort, aber sie sind ein erster Versuch der Emberra, in dieser Region überhaupt Reisende zu empfangen. Wir haben also vier Nächte in La Chunga reserviert.
Nachdem wir am Samstag erfolgreich unser Apartment zurückgegeben hatten, machten wir uns am Sonntag sehr früh auf den Weg. Mit Solartes Hilfe hatte ich die Anreise geplant. Zuerst ging es mit einem öffentlichen Bus für neun Dollar von Panama bis nach Meteti. Das ist die vorletzte Stadt am Highway, die letzte vor Yaviza. Schon auf dieser Fahrt merkten wir, dass eine Reise nach Darién im Jahr 2018 nicht mehr so schwierig war. Wir wurden zwar an der Grenze von der Senafront aus dem Bus geholt, die Registrierung ist aber inzwischen recht einfach und vor allem schnell. Innerhalb von zehn Minuten hatten wir unsere Reisepläne erklärt und wurden in die Liste der anwesenden Reisenden eingetragen, alles sehr unkompliziert. Die erste große Erleichterung für uns. Und ein Zeichen, dass wir den Darién wohl überschätzt hatten. Von Metiti aus ging es für zwei Dollar nach Puerto Quimba, einem Drei-Häuser-Dorf an einem Ausläufer des San-Miguel-Golfes. Der Ort dient als Hafen und Zugangspunkt in die vielen kleinen Ortschaften in diesem weitverzweigten Netz aus Wasserstraßen. Hier haben wir eine letzte Nacht in einem Bauernhof/ Imbiss/Hostel übernachtet, bei einer sehr netten panamesischen Familie.
Der Abend in dieser winzigen Siedlung war sehr entspannt. Wir verbrachten einige Zeit am Steg, wo man den Regenwaldfluss überblicken konnte. Die Ruhe, nur unterbrochen von den Geräuschen des Dschungels, war angenehm. Solche Momente sind für mich Augenblicke tiefster innerer Entspannung.
Am nächsten Morgen weckte uns die Hostelbetreiberin, als es draußen noch stockfinster war. Völlig verschlafen nahmen wir ein Frühstück, bestehend aus Kaffee, frittierten Bananen und Gebäck, zu uns. Sie hatte unsere Abreise organisiert und uns bereits bei der Senafront angemeldet, die am Steg wartete. Wir betraten ein kleines, überfülltes Boot, das uns nach La Chunga bringen sollte. Das Boot verkehrt eigentlich zwischen Puerto Quimba, der Kleinstadt La Palma und der sehr weit entlegenen Regenwaldstadt Sambú am Río Sambú. Uns hat man nach circa drei Stunden Fahrt am Ufer des Río Sambú herausgelassen, an der Stelle, wo sich offenbar das indigene Dorf befand. Solartes älterer Bruder Rutillo wartete auf dem Steg auf uns, und führte uns dann auf einem Holzweg durch die moorigen Wälder bis in das Dorf. Mit dem Schritt aus dem Boot begannen ein paar außergewöhnliche Tage, die für mich definitiv eine ganz besondere und neue Erfahrung waren.
Rutillo nahm uns freundlich in Empfang und führte uns in sein Dorf. Er war es auch, der sich die nächsten Tage um uns kümmerte. Rutillo und seine ganze Familie umsorgten uns wirklich liebevoll. Besonders seine elfjährige Tochter Bernilda war sehr aufgeschlossen und verbrachte viel Zeit mit uns. Das Dorf besteht aus sehr einfachen Holzhütten und einer kleinen Grundschule sowie zwei Kirchen. Auch hier waren die christlichen Missionare also „erfolgreich“, auch wenn die Art und Weise des ausgelassenen Singens, Tanzens und Betens der Dorfbewohner die eigenen kulturellen Wurzeln mit einfließen lässt.
Rutillos Anwesen besteht aus seiner Hütte und einer offenen Küche, die auch von den Nachbarn genutzt wird. Daneben hat sein Bruder Solarte drei kleine überdachte Plattformen errichtet, auf denen Matratzen liegen. Für die Besucher gibt es sogar ein funktionierendes WC. Gegessen wurde in der Küche von Rutillo. Hier haben wir auch mit den Kindern Domino gespielt. Und ich habe ihnen viele Fotos von anderen Ländern gezeigt, die ich in alten Ausgaben der National Geographic mit mir führte. Mit den Kindern waren wir oft schwimmen, oder haben das Dorf erkundet. Besonders beeindruckt waren sie von meiner Drohne, mit der wir einen kleinen Rundflug wagten. Das Dorfleben war ruhig, entspannt und einfach schön. Man hat sich hier an die gelegentliche Anwesenheit der Reisenden gewöhnt, sodass man uns ohne Misstrauen aufnahm. Das zeigte sich auch bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier. Das ganze Dorf hatte sich in der kleinen Kirche (ein Palmenblätterdach auf Stelzen) versammelt, um einem Weihnachtsgottesdienst zu lauschen. Danach gab es ein üppiges Festessen, das zum Hauptteil aus Muscheln bestand, die die Frauen vorher stundenlang im Sumpf gesammelt hatten. Bei dem großen gemeinschaftlichen Weihnachtsessen wurden wir ganz selbstverständlich und freundlich bewirtet.
Rund um das Dorf liegen ein paar Plantagen. Hier entdeckten wir schon am ersten Tag eine zwei Meter lange Schlange, die aber sofort Reißaus nahm. Flüsse, dichte Wälder und ein Sumpf umgeben das Dorf. Dort haben wir Krabben gejagt, als Köder fürs Fischen.
Abgesehen von diesem normalen, für mich aber außergewöhnlichen Dorfleben haben wir auch einige Ausflüge mit Rutillo unternommen. Wir waren zwei Tage lang im Regenwald wandern und haben in der Nacht ein kleines Lager an einem Fluss errichtet. Auf dieser Expedition haben wir gelernt, uns wie die Dorfbewohner im Wald mit Nahrung zu versorgen. Mit kleinen Speeren haben wir in einem kristallklaren Fluss Fische und Krebse geschossen. Und einmal haben wir ein Wasserschwein erlegt. Der Jagdhund hatte den Eingang eines Tunnels am Flussufer gefunden, und kroch mutig hinein, um das Tier zu stellen. Es folgte eine absurde Szene. Aus dem Boden tönte dumpf das Bellen des Hundes, der das Wasserschwein in einiger Entfernung vom Ufer in die Enge getrieben hatte. Die Männer begannen, mit Stöcken den Boden aufzugraben, bis wir tatsächlich den Rücken des Tieres sahen. Sie versuchten, das Wasserschwein mit dem Speer zu erlegen, doch sie trafen es nicht richtig. Erschrocken raste das Tier durch den Tunnel Richtung Wasser und biss in seiner Panik dem Hund dermaßen ins Gesicht, dass seine Schnauze durchlöchert war. Ein paar Tage lang konnte er nichts essen, weil die Nahrung einfach aus seinem Mund herausfiel. Als sich das Wasserschwein mit einem Sprung in den Fluss retten wollte, wurde es von einer scharfen Klinge getroffen. Denn am Ausgang des Tunnels wartete Willy. Der Franzose war vor Kurzem im Dorf eingetroffen. Er ist Ex-Soldat und Survival-Experte und begeisterter Jäger. Für seine Reise in den Dschungel hatte er ein Messer mitgebracht, mit dem er der Beute nun den Todesstoß versetzte. Er war es auch, der Eric verarztete, als er im Fluss auf einen Ast trat, der ein entsprechendes Loch zwischen seine Zehen bohrte. Die Buschwanderung war sehr, sehr anstrengend. Nicht nur, weil es sehr bergig war. Wir mussten auch viele Flüsse durchqueren. Hinzu kam, dass die Wege verwildert waren und erstmal mit der Machete „freigeschlagen“ werden mussten.
Mit Rutillo, Bernilda, Solarte und Willy war ich auch im Langboot fischen. Dazu hatten wir im Sumpf sehr viele Krabben gejagt und dann unsere Haken im Río Sambú ausgeworfen. Trotz dieser guten Köder haben wir nur einen Fisch gefangen. Im Anschluss sprang Rutillo dann noch in den tiefen Schlamm am Flussufer und schlug sich zu den Kokosnüssen durch, und das, obwohl wir im Krokodilgebiet unterwegs waren. Gesehen haben wir allerdings nur ihre großen Fußspuren und die Babys. Die großen Krokodile lagen wohl unter unserem Boot auf der Lauer.
Der Ausflug nach La Chunga war absolut spannend und empfehlenswert, aber auch nicht ganz günstig. Pro Nacht zahlten wir ca. 30 € pro Person, hinzu kamen Kosten für Aktivitäten wie die beschriebene Wanderung. Solarte, der nun in Panama City lebt, kümmert sich um das Geschäftliche und legt die Preise fest. Sein Bruder Rutillo aber ist der Gastgeber vor Ort – und er nahm uns wie Freunde auf. Wer selber einmal nach La Chunga möchte, der kann sich das Inserat auf AirBnB ansehen. Es ist auf jeden Fall gut, ein paar Tage oder am besten eine Woche einzuplanen. Auch La Palma oder Sambú sind einen Ausflug wert. Allgemein ist das ganze Gebiet um den Golf für Reisende relativ sicher, die Emberra sind ein wirklich gastfreundliches Volk. Ich freue mich auch, dass ich inzwischen so gut Spanisch spreche, dass ich mich hier ein bisschen mit den Menschen unterhalten konnte.
Yaviza, die letzte Stadt im Land
Gerne wäre ich in La Chunga länger geblieben. Sehr gerne würde ich wiederkommen. Aber unsere Zeit ist begrenzt, denn wir haben uns noch viele Reiseziele vorgenommen. Und so mussten wir schon am Freitag wieder in See stechen. In die stürmische See, wohlgemerkt. Der Golf war bei unserer Rückfahrt sehr unruhig. Wir hatten das Gepäck unter großen Planen versteckt, denn von vorne schlugen uns riesige Wellen ins Gesicht. Dazu regnete es, sodass alle Passagiere völlig durchnässt waren und sich frierend aneinander drängten. Trotzdem haben wir Puerto Quimba erreicht, ohne zu kentern, und sind dann mit mehreren kleinen Bussen nach Yaviza gefahren. Da wir unsere Rückreise um drei Uhr morgens begonnen hatten, waren wir bereits um elf Uhr in Yaviza. Dort hatte ich eine Unterkunft für eine Nacht gebucht, so blieb uns also ein halber Tag, um die Stadt zu erkunden. Die Stadt hat eine sonderbare Atmosphäre, soviel steht wohl fest. Es gibt im Prinzip nur eine große Hauptstraße, auf der sich das wichtigste Geschehen abspielt, und ein paar Nebensträßchen mit einfachen, kleinen Häusern. Besonders auf der anderen Flussseite, die über eine Hängebrücke erreicht werden kann, sind die Hütten inzwischen ziemlich baufällig. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Im Prinzip ist die wichtigste Funktion dieser Stadt, eine Verbindung zwischen Dschungeldörfern und dem Rest Panamas zu bieten. Obst und Gemüse, das per Langboot von Indigenen aus dem Regenwald herangebracht wird, wird hier auf Transporter geladen. Anwesend sind auch die Soldaten der Senafront, die natürlich genau wissen, dass auch andere Dinge in Yaviza verladen werden. Die Rede ist von Drogen, die von Schmugglern aus Kolumbien durch den Wald transportiert werden. Für mich wirkte die Stadt angespannt – und irgendwie unfertig, so als ob es noch nicht geglückt ist, die geplante Heimat im dichten Wald zu errichten. Es wirkt, als würde die abgelegene Stadt vom Rest des Landes mehr oder weniger vergessen. Für mich war Yaviza ein eindrucksvoller Ort, der durchaus einen kurzen Besuch wert ist.
Heute Morgen haben wir dann auch Yaviza und den Darién verlassen. An der Grenze wurde der ganze Bus einer gründlichen Personen- und Gepäckkontrolle unterzogen, und die Senafront konnte die beiden Deutschen wieder von ihrer Personenliste streichen. Wir waren offiziell zurück im „normalen Panama“. Dieser Eindruck der Teilung ist jedenfalls entstanden. Wir waren tief beeindruckt von der Darién-Region, die deutlich einfacher zu bereisen ist, als erwartet.
Jetzt sind wir wieder in Panama City, und übernachten bei unseren Freunden Giness und Emily. Der morgige Tag wird mehr oder weniger zur Organisation genutzt, außerdem wollen wir Willy die Stadt zeigen. Sonntagnacht geht es dann mit dem Bus nach Boquete, wo wir Silvester und die anschließenden Tage in der Kaffee-Region Panamas verbringen werden.
In einigen Wochen reisen wir dann auf die Galapagosinseln!
Liebe Grüße,
Jonas
















































































