Seßhaft werden in Sydney
von Jonas · 17. Juni 2016
Liebe Leserinnen und Leser,
heute melde ich mich wieder, um aus Australien zu berichten. Es geht zuerst um meine neue Job- und Wohnsituation, und dann werde ich noch von einem Dreitagesausflug in die Blue Mountains mit Frithjof und Benjamin erzählen.
Wie schon in der Überschrift angedeutet, habe ich mich nun gewissermaßen in Sydney niedergelassen. Ich habe letzte Woche einen Job gefunden und seit Freitag gearbeitet. Die Firma, in der ich jetzt arbeite, kauft hochwertige Dachdeckereiprodukte wie zum Beispiel Ziegel und Dachpappe aus Deutschland – und verkauft sie an lokale Dachdeckereien in Australien weiter. Wir sind also gewissermaßen ein Versandhaus, und meine Aufgabe besteht zum einen im Vorbereiten der Produkte und zum anderen im Zusammenstellen von eingehenden Bestellungen. Die meiste Zeit verbringe ich damit, die Paletten voller deutscher Produkte nacheinander auszupacken, und die deutschen Etiketten mit englischen zu überkleben. So bekommt zum Beispiel jede Rolle Dachpappe ein neues Label, auf dem eine englische Produktbeschreibung steht. Und manchmal fahre ich auch mit dem Trolley durch das riesige Lagerhaus und suche für die Kunden die gewünschten Produkte zusammen. Das ist recht eintönig, aber da ich ja Geld für meine letzte Reiseetappe brauche, mache ich es (zum Glück ja nur für wenige Wochen). Der Lohn war anfangs nicht wirklich gut, und ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, die Firma zu verlassen, sobald ich einen besseren Job fände. Doch gestern habe ich stattdessen den Chef um eine Gehaltserhöhung gebeten, und diese dann auch ohne Probleme bekommen. Ich arbeite jetzt also wieder für 25 $ pro Stunde (vor Steuern), was circa 17 Euro sind. Die Kollegen sind alle sehr nett, und es herrscht auch nie Zeitdruck. Ich kann theoretisch so langsam arbeiten, wie ich möchte, und immer eine Pause machen, wenn mir danach ist. In der Firma haben wir sogar einen „Wachhund“ und ab und zu können wir während der Arbeitszeit mit ihm spazieren gehen.
Um noch mehr Geld zu sparen, habe ich mir auch eine sehr günstige Wohnung gesucht. Ich lebe seit ein paar Tagen in einer WG, sehr nahe bei meiner Arbeit. Der Preis von 130 $ pro Woche ist in Sydney eigentlich nicht mehr zu unterbieten. Das Haus ist aber auch entsprechend voll. 16 Bewohner teilen sich vier Schlafzimmer, zwei Bäder und eine recht enge Küche.
Das Haus ist zwar nicht besonders modern, aber hat auf jeden Fall Charakter, und auch mit den Mitbewohnern komme ich gut zurecht. Die Leute hier kommen aus Frankreich, Deutschland, Chile, Mexiko und Irland – und so wie ich gehen die meisten arbeiten und müssen dafür zeitig aufstehen und zeitig schlafen. Es ist also ruhig und entspannt hier. Es ist auch nicht besonders weit zur Innenstadt, sodass ich weiterhin zur Vivid gehen kann (morgen ist schon der letzte Abend), und gelegentlich besuche ich auch Freunde im Hostel, wenn dort zum Beispiel ein BBQ stattfindet. Ich bin also recht glücklich mit meiner jetzigen Wohn- und Arbeitssituation. Ich kann während der Woche immer schnell meinen Job erreichen und am Wochenende viel in der Innenstadt unternehmen.
Letztes Wochenende habe ich Sydney aber vorübergehend verlassen. Da am Montag Feiertag war (Queens Birthday), habe ich mich mit Benjamin und mit Frithjof, der seit ein paar Tagen auch wieder in Sydney war, über das verlängerte Wochenende in die Blue Mountains begeben. Hier gibt es eine Dreitages-Wandertour, den sogenannten Six Foot Track. Der Weg startet im Herzen der Blue Mountains, in Katoomba. Die erste Etappe geht auch direkt durch ein Tal, immer am Fluss entlang, an dessen Ufer wir in der ersten Nacht zelteten.
Am nächsten Tag führte der Weg aus den Blue Mountains hinaus. Wir kamen zuerst durch großflächige Weidegebiete, und danach in den Kanangra-Nationalpark. Auch hier ist es bergig und ebenso bewaldet wie in den Blue Mountains, die ikonischen Felsen fehlen aber. Der Weg an sich war recht schön, aber leider führt er meist durch den Wald. Wir hatten deshalb nur in längeren Abständen schöne Ausblicke.
Die Wanderung an sich war recht hart, da es zum einen die meiste Zeit bergauf ging, und da es zum anderen extrem kalt war. In den Nächten sank die Temperatur auf –5 °C. In der ersten Nacht haben wir alle sehr gefroren, in unseren billigen Sommerschlafsäcken. In der zweiten Nacht haben wir darum ein Lagerfeuer gemacht und direkt daneben geschlafen. Eine Person hat immer Wache gehalten (zwei Stunden pro Schicht) und das Feuer unterhalten, gelegentlich auch die Inbrandsetzung der Schlafsäcke verhindert.
Wir waren auf dem Campingplatz immer zu sechst, da wir mit zwei Australierinnen – Sonya und Charlotte – sowie einem Südkoreaner – Jun – wanderten. Oder besser gesagt: Wir wanderten in zwei Dreiergruppen unterschiedlichen Tempos, trafen uns aber abends immer zum Campen und Feuermachen. Da unsere Gruppe stets schneller war, machten Frithjof, Benjamin und ich schon das Feuer an, und die drei anderen konnten sich abends sofort aufwärmen, wenn sie ankamen.
Sehr viel Zeit haben wir auch mit einer zahmen Horde Kängurus verbracht.
Neben gelegentlichen schönen Ausblicken während der Wanderung und den Kängurus waren die Lagerfeuerabende immer der Tageshöhepunkt für mich. Am dritten Tag erreichten wir das winzige Dörfchen Jenolan. Dieses liegt in einem beeindruckend tiefen Talkessel und ist ein wahrer Touristenmagnet aufgrund der vielen Höhlen, die in der Felswand sind.
Als wir dort angekommen waren, wollten wir aber nicht mehr so viel Zeit für die Höhlen verwenden und sind stattdessen zurück nach Katoomba getrampt. Der Wanderweg ist zwar nur 45 Kilometer lang, die Straße aber über 70 Kilometer. Und bis jemand angehalten hat, verging eine ganze Weile. Es war also trotz allem spät, als wir am Montagabend wieder in Sydney ankamen. Es war sehr schön, mal etwas mit Benjamin und Frithjof gemeinsam zu unternehmen. Ich finde es auch etwas Besonderes, dass wir drei uns zur selben Zeit so weit weg von zu Hause treffen konnten.
Frithjof ist gestern Abend wieder nach Hause geflogen, diese Wanderung war also unsere letzte gemeinsame Australienaktion.
Mit Benjamin werde ich aber in Zukunft noch viel unternehmen, er ist ja noch eine ganze Weile an der Uni in Sydney. Heute zum Beispiel sind wir (mal wieder) zur VIVID gegangen und haben das abschließende Feuerwerk bestaunt. Die Vivid wird morgen – nach insgesamt drei Wochen – leider vorbei sein.
Nun freue ich mich schon sehr auf das Wochenende in Sydney. Es soll zwar regnen, aber ich denke, ich finde auf jeden Fall eine spannende Beschäftigung in dieser immer hektischen Stadt. Solange ich hier bin, nutze ich sowieso jede freie Minute, um durch den einzigartigen Hafen zu schlendern, in Chinatown Krapfen zu essen und Zuckerrohrlimonade zu trinken, oder bei Nacht zu fotografieren. Obwohl ich ja schon insgesamt mehr als drei Monate hier war – es gibt immer wieder so viel Neues zu erleben und so viele tolle Menschen, mit denen man etwas unternehmen kann.
Ich melde mich demnächst mal wieder, aber da ich ja jetzt arbeite, werden zwischen den Artikeln manchmal längere Pausen sein.
Bis bald und liebe Grüße,
Jonas

Hallo Jonas,
schön, wieder von dir zu hören.
Da bist du nun voll ins Dachdeckerbedarf Business eingestiegen. Wenn das keine interessanten Neuigkeiten für mich sind.
Wakaflex ist übrigens ein hervorragendes Produkt. Es ist flexibel einsetzbar an allen Anschlüssen. (an Stelle von Blech) Der einzige Nachteil besteht in der geringen Lebensdauer. (nach ca. 15 Jahren löst sich das Material durch UV-Strahlung auf) Aber das ist ja auch nur für den Kunden ein Nachteil, der Dachdecker freut sich über den nächsten Auftrag. Soviel zum Thema Made in Germany.
Das Opernhaus von Sydney ist aber ziemlich geschrumpft. Hatte ich irgendwie größer in Erinnerung.
Schön, das ihr nochmal ne gemeinsame Tour unternehmen konntet. Das hat mir damals etwas gefehlt, bei meinem Trip. Mit Freunden unterwegs zu sein und sich später über das Erlebte austauschen zu können. Ich bin zwar auch nur selten allein unterwegs gewesen, aber meist nur mit “Kurzzeitfreunden”.
Klingt witzig wie ihr die Nächte rumgebracht habt. Das System (Schichtdienst) wird ja auch gerne in Abenteuerfilmen angewand. Nur das da wilde Tiere die Gefahr darstellen und nicht die Kälte und die Angst vor dem Schlafsackbrand.
Die Licht Show in der Großstadt scheint ja voll in Mode zu kommen. Wir haben das letzten Sommer in Berlin erlebt. Die haben auch große Gebäude im Zentrum illuminiert. Auf dem Brandenburger Tor wurde sogar ein Wettbewerb veranstaltet. Dort wurden verschiedene Videos draufgespielt und man konnte dann im Netz drüber abstimmen. Das war auch sehr beeindruckend. Wurden an Sydneys Fassaden auch kleine Videos gezeigt?
Bei uns beginnen ja nun bald die Ferien. Felix hat diese Woche einen spanischen Austauschschüler zu Gast. Wir waren heute zusammen in Rathen und haben ein wenig geklettert. Jetzt sind die beiden nochmal zur bunten Republik gepilgert. Bin gestern Abend mit Lilli und Claudia auch da gewesen und es war richtig gut. Hätte ich nicht gedacht. Es gibt ein neues Konzept mit weniger Ständen und die sonst unkoordinierte Musik war auch besser aufeinander abgestimmt. (größere Abstände) Dadurch war es nicht so eng und die Stimmung war auch sehr entspannt.
In den Ferien fahren wir für knapp 2 Wochen in die Pfalz zum Klettern. Und von dort geht es zum Chiemsee an die Alpen. (1 Woche)
Da freuen wir uns drauf.
Bekommst du in Australien was von der Fußball EM mit, Jonas? Und ist das Thema Brexit da auch ganz oben in den Nachrichten. Dort wird ja nächstes Wochenende über einen EU Austritt abgestimmt.
Also dann bleib gesund und munter, machs gut bis bald Erwin
Hi Erwin,
Danke für den Kommentar 🙂 Ich hab mich gefreut, wieder mal von dir/ euch zu hören. Schön dass es euch soweit gut geht und auch bald der Urlaub losgeht. Ich fühle mich auch schon wieder urlaubsreif nach den ersten zwei Wochen im Dachdeckerei-Handel. Du kennst also Wakaflex? Bei nur 15 Jahren Haltbarkeit ist es ja dann nicht verwunderlich dass ich immer nur eine 10 Jahres Garantie draufkleben muss. Ist nicht so toll dass solche Produkte nur so kurz halten; alle 15 Jahre das Dach neu decken?! Naja 🙂
Dass es eine Lightshow auch in Deutschland gibt, wusste ich gar nicht. Ich dachte die VIVID wäre etwas einzigartiges 🙁 Bleibt mir also nur noch der Trost dass die Show hier (hoffentlich) größer ist. Die Farben auf den Häusern waren immer bewegte Animationen, ziemlich aufwändig gestaltet! Es gab auch ein Haus wo ein 10 minütiger Film abgespielt wurde. Eine Animation über das Leben einer Echse mit richtiger Handlung 🙂
Jetzt sind die Lichter ja mittlerweile erloschen. Trotzdem ist in der Stadt immer was los, heute haben wir zum Beispiel ein Grillabend mit ein paar Freunden.
Die EM verfolge ich zwar, aber die Spiele schaue ich nicht. Die starten ja immer 2 am oder 5 am morgens, das wäre mir zu zeitig. Vielleicht stehe ich auf, falls es Deutschland ins Halbfinale schafft 😀
Vom Brexit bekomme ich schon was mit (dank der ZDF App) ist aber in Australien nicht wirklich Thema. Ich bin auf jeden Fall mal auf das Ergebnis gespannt. Fast alle Briten mit denen ich hier rede sind für den Austritt…
Na gut, ich muss jetzt erstmal wieder arbeiten, bald ist ja aber zum Glück Wochenende.
Liebe Grüße
Jonas