Not und Hoffnung in Nepal

Unser Geländewagen schaukelte die Bergstraße entlang. Kathmandu hatten wir gerade hinter uns gelassen. Nun öffnete sich vor uns der Blick in ein Tal. Dutzende Schornsteine ragten uns entgegen. Dort unten lagen die rustikalen Ziegelfabriken, die für eine wachsende Metropole Baustoffe produzieren. Wir waren auf dem Weg zu den Menschen, die dort für sehr wenig Geld und unter schwierigsten Bedingungen arbeiten. In wenigen Minuten würde ich Einblicke in ihre Lebensrealität bekommen.

Es war meine zweite Reise nach Nepal. Im letzten Jahr blieb ich fast zwei Monate lang in dem kleinen Land im Himalaya-Gebirge. Damals filmten wir deutsche Auswanderer, die in Nepal ein neues Leben begonnen hatten. Nun beschäftigte mich ein ganz anderes Thema – ich wagte einen Blick hinter die Kulissen. Armut, Ausgrenzung, Not: Das kleine Land hat Schattenseiten. Millionen von Menschen verbringen ihr Leben unter schwierigsten Bedingungen. Ich war hier, um die Arbeit des Vereins Shanti Leprahilfe Dortmund e. V. zu filmen. Es ist eine private deutsche Hilfsorganisation, die sich in vielen Orten in Nepal engagiert.

Shanti Leprahilfe Dortmund e. V.

Der Verein unterstützt seit 1992 Menschen in Nepal. Ursprünglich als Hilfsprojekt für Menschen mit Lepra gegründet, engagiert sich Shanti heute in zahlreichen Bereichen – darunter Hungerhilfe, medizinische Versorgung, Bildung und Beschäftigungsförderung.

Für unseren Film haben wir mehrere Projekte des Vereins besucht und seine Arbeit vor Ort dokumentiert. Die Dokumentation entstand im Auftrag von Shanti Leprahilfe Dortmund e. V. und soll über die Arbeit des Vereins informieren sowie neue Unterstützerinnen und Unterstützer gewinnen.

Weitere Informationen auf shanti-leprahilfe.de.

Video abspielen

Als ich im Flugzeug nach Nepal saß, erblickte ich die hohen Berge, die mir bereits vertraut waren. Der Mount Everest stach durch die Wolken, umgeben von dutzenden weiteren Riesen. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt fuhren wir durch wohlbekannte Straßen. Wir bezogen ein Hotel direkt neben der Organisation, die sich hier in Nepal Shanti Sewa Griha nennt. In den folgenden Tagen und Wochen begleiteten Kameramann Felix und ich eine Vielzahl ihrer Projekte.

Der Dreh begann mit dem Besuch in der Ziegelei. Hunderte dieser Anlagen gibt es rund um Kathmandu. Wir erreichten das Gelände und sammelten erste Eindrücke. Überall waren Menschen. Auf einer Seite kneteten sie die Ziegelmasse und pressten sie in hölzerne Formen. Woanders lagen einige Tausend Steine in der Sonne, um zu trocknen. Dazwischen Maultierkarren, die die halbtrockenen Ziegel abholten und zum Ofen kutschierten. Die Zugtiere trabten flink über die holprigen Wege. Einmal sah ich ein Maultier stocken. Der Kutscher warf einen Stein auf das Tier. Weiter ging die wilde Fahrt. Überall wuselten Frauen und Männer, und auch viele Kinder und Jugendliche waren unter den Arbeitenden. Wir begannen unseren Dreh am Ziegelofen. Der hat die Länge von mehreren Häusern. In einem riesigen Hohlraum brennen ganze Baumstämme. Oben stapelten Männer die vorgetrockneten Steine, um sie in der Hitze zu härten. Auf dem Ofen verteilt gab es abgedeckte Löcher, durch die ein Mann Kohlen schaufelte. Durch diese Öffnungen blickte ich in ein mehrere Meter tiefes Inferno. Ich fragte mich, ob ein solcher Ofen auch einstürzen könnte. Zumindest fanden wir auf dem Gelände den ein oder anderen geschmolzenen Schuh.

Wir waren mit einer Familie verabredet. Am Rande der Fabrik lagen die Hütten der Arbeiter. Dorthin gingen wir jetzt. Die Menschen, die hier arbeiten, kommen aus weit entfernten Bergdörfern. In der Regel reisen sie einige Tage lang, um Kathmandu zu erreichen. Sie kommen, weil sie in ihren Dörfern nicht überleben können. Dort gibt es keine Arbeit für sie. Oft haben sie kein Land, um Felder zu bestellen. Sie gehören zu den benachteiligten Kasten, den Dalits. So nennt man in Nepal die Menschen, die man früher als „Unberührbare“ bezeichnete. Kastendiskriminierung ist in Nepal weiterhin gelebte Praxis, obwohl sie lange verboten ist. Noch heute sind Dalits in allen Bereichen benachteiligt. Wenn diese Menschen nun nach Kathmandu kommen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dann landen sie oft in den Ziegeleien.

Wir betraten die kleine Siedlung. Die Arbeiter leben in winzigen Ziegelhütten. Die Wände waren aus Stein gestapelt. Durch die Ritzen pfiff der Wind. Mauerputz gab es nicht. Das Dach und die Tür waren aus Wellblechplatten gebaut. Die Arbeiter ermahnten uns: Wir sollten uns nirgendwo anlehnen oder festhalten. Die Hütten würden sonst zusammenbrechen. Wir besuchten eine der Familien. Die Mutter war noch jung, vielleicht sogar minderjährig. Viele Mädchen in den Dörfern werden schon mit 14 oder 15 Jahren verheiratet. Ihr Mann war deutlich älter. Sie hatten einen kleinen Sohn. Zu dritt leben sie in einer kleinen Ziegelhütte, in die sie uns hineinbaten. An der Wand standen ein Gaskocher, ein Sack Reis und ein paar wenige Habseligkeiten. Das Bett war ein Podest aus Ziegelsteinen mit einer fingerdünnen Schaumstoffmatte und einer Decke. Wir besuchten einige dieser Unterkünfte. Alle hatten gemeinsam, dass sich mehrere Menschen auf engem Raum aneinanderdrängten und auf steinhartem Untergrund schliefen.

Die Familie erzählte uns von ihrem Alltag. Von morgens bis abends laden die beiden Ziegelsteine auf Transporter. Sie laufen zum Ziegellager, stapeln sich dreißig Steine auf den Rücken und tragen die wackelige Fracht zum LKW. Den ganzen Tag tun sie das und verdienen circa fünf Euro. Abends versuchen sie, schnell einzuschlafen. Sie berichteten, dass es nachts so kalt wäre, dass fast jeder hier krank sei. Das Baby wache ständig auf und weine. Vor einigen Tagen hatte der Vater einen Unfall. Erschöpft von Schlafmangel, Kälte und zu wenig Essen brach er zusammen. Die Ziegel auf seinem Rücken stürzten auf ihn. Nun saß er krank und verletzt vor seiner Hütte und konnte nicht mehr arbeiten.

Solche Situationen sind Alltag vieler Nepalesen. Shanti Sewa Griha versucht zu helfen. Bijendra, ein Mitarbeiter der Organisation, kam mit einem Transporter vorbei. Die Shanti-Mitarbeiter verteilten Schlafsäcke und Winterjacken an die Menschen in der Ziegelei. Regelmäßig besucht Shanti die Ziegeleien und Armenviertel rund um Kathmandu, um diese Art der Hilfe anzubieten. Auch medizinisch unterstützt Shanti. Regelmäßig veranstalten sie große gesundheitliche Untersuchungen in den Ziegeleien, oder holen kranke Personen mit einem Bus ab, um sie kostenlos in Kathmandu zu behandeln. Auch der verletzte Familienvater wurde nun von Shanti versorgt.

Im Film wollte ich einerseits zeigen, wie der Verein Shanti Leprahilfe Dortmund e. V. in Nepal Hilfe leistet, aber auch einen Einblick in die Lebensrealität der Menschen geben. Deshalb hatten wir die Arbeit und Wohnsituation der Ziegeleiarbeiter gefilmt, noch bevor Shanti mit Schlafsäcken und Jacken ankam. Ohnehin filmten wir ausschließlich Projekte, die Shanti sowieso durchführte. Nichts sollte extra für uns veranstaltet werden.

Am nächsten Tag filmten wir in einem Armenviertel mitten in Kathmandu. Dort leben Tagelöhner, viele von ihnen ebenfalls Dalits. Wir besuchten eine ältere Dame, die in einer Hütte aus Bambus und Plastikfolie lebt. Früher hatte sie einen kleinen Bauchladen, doch der neue Bürgermeister der Stadt hat diese Form des Straßenhandels verboten. Die Frau hat daher kein Einkommen mehr. Vor dem Haus saß ihre Tochter. Mitte zwanzig war sie, so schätze ich. Vor einigen Monaten war sie an Gelbsucht erkrankt und ist dem Tod nur knapp entkommen. Die Ärzte sagten, dass sie wohl noch zwei Jahre braucht, um zu genesen. Wir interviewten die Mutter, die uns von ihrem Leben in Not erzählte. Ihre kranke Tochter, kein Einkommen – und vor wenigen Monaten eine Flut, die das ganze Viertel verwüstete. Innerhalb weniger Stunden war das Wasser des Flusses stark angestiegen und schwemmte die Hütten und sämtlichen Besitz der Menschen fort. Seitdem unterstützt Shanti die Bewohner des Armenviertels mit Nahrung und medizinischer Versorgung.

Wir filmten die abendliche Essensausgabe. Ein Transporter mit einer Ladung riesiger Kochtöpfe traf ein. Eine freiwillige Helferin, die selbst hier wohnt, kletterte auf die Ladefläche, um das Essen auszuteilen. Shanti gibt fast 2.000 Mahlzeiten täglich aus. Auch die Mutter kam mit einem kleinen Topf, um für sich und ihre Tochter Essen zu holen.

Die freiwillige Helferin auf dem Transporter erzählte uns ihre Geschichte. Auch sie kann aktuell kaum arbeiten, weil sie sich um ihren schwer kranken Vater kümmern muss. Er ist Diabetiker und auf tägliche Medikamente angewiesen. Als vor zwei Jahren die Flut kam, spülte das Wasser seine Medizin weg. Tagelang konnte er keine neue Arznei beschaffen. Dadurch nahmen seine Nerven so stark Schaden, dass er nun gelähmt ist.

Kurz nach unserem Dreh traf die Bewohner des Viertels ein weiterer Schlag. Die neue Regierung hat die gesamte Siedlung am Flussufer mit Bulldozern weggeschoben. In der ganzen Stadt lässt sie die „illegalen Siedlungen“ räumen. Die Staatsführung vermeldet, dass die Räumungen friedlich und ohne Zwischenfälle verliefen. Die nepalesische Tageszeitung Kantipur schreibt, dass die Menschen nur deshalb „freiwillig“ gegangen wären, weil ihnen Waffengewalt drohte. Keine der auf den Fotos gezeigten Hütten existiert mehr. All die Menschen, die wir dort trafen, sind nun obdachlos. Shanti bemüht sich, sie so gut wie möglich zu versorgen.

Das Zentrum der Organisation liegt mitten in Kathmandu, in einem wunderschönen Gebäudekomplex. Mehrstöckige Ziegelhäuser umgeben einen Innenhof mit einem Springbrunnen. Die Wände sind bunt bemalt – mit aufwändigen Mustern, Figuren und religiösen Motiven. Der Ort soll Zuversicht und Geborgenheit vermitteln. Im Shanti-Hauptquartier haben wir sehr viel Zeit verbracht. Zum einen befindet sich hier das Gesundheitszentrum. In einem großen Gebäude liegen verschiedene Ärztezimmer, eine Apotheke, ein Labor und eine Physiotherapie. Hier kann sich jeder kostenlos behandeln lassen. Im Gesundheitszentrum gibt es über 80 Krankenhausbetten für diejenigen, die länger bleiben müssen. Auf einer Etage leben sogar dauerhaft Menschen, nämlich jene, die auf Pflege angewiesen sind. Hier zeigt sich eine interessante Symbiose. Die Patienten unterstützen sich gegenseitig. Beispielsweise gibt es Menschen, die nicht mehr laufen können und deshalb hier wohnen. Sie haben sich den ganzen Tag liebevoll um ein kleines Mädchen gekümmert, das von Kopf bis Fuß vergipst war.

Viele Menschen in Nepal leiden an Krankheiten, die man in Deutschland gar nicht mehr kennt. Polio und Lepra zum Beispiel gelten in Deutschland als nicht existent. Doch in Nepal erkranken weit über 2.000 Menschen jährlich an Lepra. Obwohl man die Krankheit eigentlich sehr leicht heilen kann, suchen Betroffene oft erst spät Hilfe. Denn Leprakranke werden in der Regel aus ihren Dörfern verbannt – zu groß ist die Furcht vor Ansteckung. Selbst wenn sie erfolgreich behandelt wurden, dürfen sie nicht zurück. Also versuchen die Erkrankten, so lange wie möglich die Symptome zu verbergen. Wenn die Erkrankung dann irgendwann offensichtlich ist, weil zum Beispiel Finger und Zehen fehlen, dann werden sie verbannt. Und erst dann suchen sie Hilfe, zum Beispiel bei Shanti. Die Folgen der Lepra sind dann bereits unumkehrbar. Das Beispiel verdeutlicht ein großes, gesellschaftliches Problem. Krankheiten und Behinderungen führen zum Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Ein Mann erzählte mir seine Geschichte. Als er noch ein Kind war, bemerkte seine Familie die Leprasymptome. Also haben sie eine Hütte im Wald gebaut, in die er geschickt wurde. Eine Zeit lang haben sie ihm Nahrung in weiter Entfernung abgestellt. Irgendwann blieb die Versorgung aus, also zog er von Dorf zu Dorf, um Hilfe zu suchen. Immer wurde er vertrieben, bis er schließlich nach Kathmandu kam. Ein Mitarbeiter von Shanti fand ihn in einem Tempel, wo er um Almosen bat.

Auf dem Shanti-Grundstück gibt es eine Vielzahl von Werkstätten. Die Verstoßenen finden hier kreative Beschäftigungen und somit endlich wieder eine Berufung. Sie malen Bilder und verzieren bunte Karten, sie nähen Kleidung und Puppen, stellen Schmuck her, tischlern Möbel und weben Decken. Wenn man durch die verschiedenen Räume geht, dann spürt man, dass man von zuversichtlichen und selbstbewussten Menschen umgeben ist. Sie sind nicht mehr „die Kranken“, sondern sie sind Künstler und Handwerker. Sie bekommen Unterhalt, eine Wohnung und medizinische Versorgung. Ihre Kinder können kostenlos zur Schule gehen und bekommen anschließend die Ausbildung oder das Studium finanziert.

Und auch unzählige Kinder wuseln über den Hof. Sie gehen hier zur Schule. In verschiedenen Klassenräumen findet kostenloser Unterricht statt, für die Kinder der Shanti-Schützlinge, aber auch für den Nachwuchs lokaler Familien sowie Waisen. Letztere leben in einem Kinderheim, ebenfalls auf dem Grundstück.

Das Shanti Hauptquartier ist voller Leben. Kinder und Erwachsene, viele von ihnen mit körperlichen Einschränkungen und den sichtbaren Folgen schwerer Erkrankungen. Sie alle sind hier spürbar zu einer Familie geworden, die sich gegenseitig unterstützt. Und diese Lebensfreude breitet sich auch in der Nachbarschaft aus. In der Straße vor Shanti sieht man morgens und mittags die bekannten Gesichter – in den Restaurants und Teestuben sitzend. Hier werden sie nicht mehr weggeschickt. Der gesellschaftliche Wandel ist möglich, das zeigt sich hier in der Nachbarschaft.
 
Dann waren wir für einige Tage unterwegs. Shanti organisiert Gesundheitscamps in den entlegenen Regionen des Landes, damit die Menschen dort eine regelmäßige medizinische Versorgung bekommen. Ein solches Healthcamp wollten wir filmisch begleiten. Es sollte in Solukhumbu stattfinden, ganz in der Nähe des Mount Everest. Eine Gruppe von rund 30 Ärzten und Helfern machte sich auf den Weg. Die Fahrt dauerte anderthalb Tage, obwohl wir weniger als 300 Kilometer zurücklegen mussten. Doch die Straßen im Land sind häufig in einem desaströsen Zustand. Nur wenige Kilometer hinter Kathmandu hatte ein Fluss über Dutzende Kilometer die Landstraße fortgerissen, sodass wir mit den Geländewagen langsam durch das trockene Flussbett fuhren. Danach folgten für einige Stunden enge Serpentinen. Nachdem wir in einem kleinen Ort übernachtet hatten, fuhren wir stundenlang über einen Feldweg, der sich an einem steilen Hang bis nach Rapchha schlängelt. Im Ort endet die Straße. Unterwegs konnte man immer mal wieder den Mount Everest erblicken.

Wir wurden herzlich empfangen. Das medizinische Team richtete noch am Abend die mobilen Kliniken in der Dorfschule ein. Sie hatten allerlei Equipment dabei. In einem Klassenzimmer bauten sie mehrere Zahnarztstühle auf, in einem anderen Raum wurde eine Röntgenmaschine platziert. Es gab einen Elektrotherapieplatz, eine Augenarztpraxis mit den typischen Buchstabenschildern, ein allgemeinärztliches Untersuchungszimmer, eine Apotheke mit Kisten an Medikamenten. Die Schule hatte sich innerhalb kürzester Zeit in ein umfangreich ausgestattetes Gesundheitszentrum verwandelt.

Am nächsten Morgen eröffnete der Schuldirektor feierlich das Healthcamp. In den nächsten zwei Tagen wurden rund 800 Patienten erwartet. Der Schulhof hatte sich bereits gefüllt. Einige waren stundenlang durch die Berge gewandert, um sich untersuchen zu lassen. Manche kamen mit akuten Krankheiten. Viele ältere Menschen haben aber auch chronische Leiden, die sie bei den regelmäßig stattfindenden Healthcamps beobachten lassen. 

Ohne das Healthcamp wären die Menschen in Rapchha weitestgehend von guter medizinischer Versorgung abgeschnitten. Es gibt nur einen kleinen Gesundheitsposten der Regierung, der spärlich ausgestattet ist. Bis vor vier Jahren, als Shanti zum ersten Mal nach Rapchha kam, mussten sie mit den meisten Anliegen nach Kathmandu reisen. Die zweitägige Reise konnten sich viele nicht leisten. Der Bürgermeister erzählte mir, dass einige Bauern bereits ihre Farm verkauft hätten, um sich in Kathmandu behandeln zu lassen. Es gab auch schon Suizide im Dorf, weil kranke Menschen lieber die Farm für ihre Kinder bewahren wollten, als sich selbst zu retten. Und wieder andere gaben ihr letztes Geld für die Reise aus, und konnten sich seitdem nicht die Rückkehr leisten. Sie wohnen teilweise noch heute in den Armenvierteln der Hauptstadt und bitten auf den Straßen um Almosen.

Die Dorfbewohner sind deshalb sehr glücklich über die regelmäßigen Besuche. Wir filmten ein Mädchen, das regelmäßig im Healthcamp unterstützt. Sie will selbst Ärztin werden und eine dauerhafte Praxis im Ort eröffnen. Diesmal verteilte sie eine Aufbaunahrung an die Familien im Dorf. In Nepal sind rund ein Viertel aller Kinder unter fünf Jahren wachstumsverzögert, weil sie sich nicht angemessen ernähren können. Die Aufbaunahrung von Shanti hilft den Kleinen, wieder zu Kräften zu kommen. Sie wird lokal produziert und kostet im Einkauf circa 40 Cent pro Mahlzeit. 

Felix und ich hatten zwei kleine Gästezimmer in einem Haus im Dorf bekommen. Der Rest vom Team schlief auf dem Dachboden des Restaurants im Dorf, der mit dünnen Holzplatten in ein paar wenige Räume unterteilt war. Der Leiter des Healthcamps, Bijendra, hatte ein winziges, dunkles Zimmer neben einem Stall bezogen. Nachts war es so kalt, dass man mehrere Hosen und Pullover, dazu Jacke, Mütze und Schal tragen musste. Das Dorf hatte keinerlei Luxus zu bieten, doch umso herzlicher waren die Menschen. Wir wurden aufmerksam umsorgt und bewirtet.

Am Abend des ersten Tages lud uns der Bürgermeister zu einer besonderen Zeremonie ein. Wir sollten den Schamanen des Dorfes (hier auch Witchdoctor oder lokal Dhami genannt) in Aktion erleben. In einem Haus hatte kürzlich eine Hochzeit stattgefunden. Nun befürchteten die Bewohner, dass der Trubel ihre verstorbenen Ahnen, die immernoch im Haus herumgeistern, beunruhigt haben könnte. Im schlimmsten Fall würden die Geister nun die Lebenden krankmachen. Der Dhami schafft Abhilfe. Wir wurden Zeuge einer authentischen und eindrücklichen Zeremonie. Die ganze Familie saß dicht gedrängt in der Küche. In der Mitte des Raumes qualmte ein Feuer, das den ganzen Raum vernebelte. Ein paar Männer trommelten laut und rhythmisch. Der Dhami sang und rief und tanzte. Immer wieder begann er wild zu zittern und zu zucken. Währenddessen tranken die Leute Raksi, selbstgebrannten Reisschnaps. Wir durften das Ritual sogar filmen. Der Bürgermeister erklärte uns, dass der Dhami auch heute noch ein wichtiger Heiler sei. Die Shanti-Ärzte können zwar körperliches Leiden lindern, doch wenn die Seele krank ist, dann kann nur der Dhami helfen. Tatsächlich sah ich ihn auch am nächsten Tag im Dorf, wo er eine ältere Frau besuchte. Durch das Fenster ihres Zimmer klang stundenlang der Gesang des Geisterheilers.

Nach zwei Tagen verließen wir das Dorf. Einige hundert Menschen hatten das Healthcamp besucht und eine Behandlung, Medizin und Aufbaunahrung erhalten. In einigen Wochen würden sich die Shanti-Ärzte wieder auf den Weg machen. Insgesamt organisiert Shanti rund 25 Healthcamps jährlich.

Zurück in Kathmandu führten wir noch weitere Dreharbeiten in der Umgebung durch. Wir besuchten auch mehrere landwirtschaftliche Projekte von Shanti. In der Nähe der Hauptstadt betreibt die NGO eine eigene Farm. Auch hier arbeiten hauptsächlich Dalits. Die Familien auf der Shanti-Farm haben bei einem Erdrutsch ihre Häuser und Felder verloren und mussten ihr Dorf verlassen, weil ihr Einkommen wegfiel. Nun bauen sie Gemüse an, das Shanti in der eigenen Großküche verwertet. Dafür bekommen sie ein Geld, medizinische Versorgung und eine kostenlose Schulbildung für ihre Kinder. Auf einer zweiten Farm sind überwiegend Menschen beschäftigt, die durch eine vergangene Leprainfektion gezeichnet sind.

Außerdem besuchten wir zusammen mit Bijendra ein Dorf in den nahen Bergen. Einige hundert Obstbäume hatte er geladen, die er nun an die anwesenden Bäuerinnen und Bauern verteilte. Shanti hat hier und in einigen anderen Dörfern Nepals mehrere tausend Bäume ausgegeben. Die kleinen Dörfer in den Bergen befinden sich in einem herausfordernden Wandel. Immer mehr junge Menschen – vor allem Männer – ziehen nach Kathmandu und anschließend ins Ausland. Sie arbeiten in Indien, in Katar, den Vereinigten Emiraten und anderen Ländern. Zurück bleiben Frauen und ältere Menschen. Allein fällt es ihnen schwer, die Felder zu bestellen. Den Dörfern droht eine fortschreitende Verarmung. Die Obstbäume sollen diesen Trend aufhalten. Sie sind einfacher zu pflegen als Felder, und die Früchte können zu guten Preisen weiterverkauft werden. Wir filmten eine solche Pflanzaktion in einem Dorf. Bijendra gab eine Schulung, wie man die Bäume pflegen und düngen müsse.

Zum Ende unserer Reise verbrachten wir den größten Teil unserer Zeit mit Filmschnitt. Wir hatten uns vorgenommen, schon vor Ort eine erste Schnittversion zu erstellen. Außerdem hatte Shanti einen nepalesischen Filmemacher gebucht, der in Zukunft Videos für die sozialen Medien produzieren soll. Wir brachten viel Zeit auf, ihm die Kameraführung und den Filmschnitt beizubringen.

Wir verbrachten die wenige Freizeit in der Stadt. Ich besuchte Tempel und Märkte und traf mich mit Menschen, die ich von unserer letzten Reise kannte. Einmal waren wir im Kino.

Kurz vor unserer Abreise fand in Kathmandu ein großer hinduistischer Feiertag statt. Shivaratri ist das wichtigste Fest zu Ehren Shivas. Zehntausende Menschen waren angereist, viele auch aus Indien. Sie alle versammelten sich im Pashupatinath-Tempel, der nur wenige hundert Meter von Shanti entfernt liegt. Stundenlang kämpfte ich mich durch das bunte Getümmel im Tempel und beobachtete die Menschen.

Ohnehin war ich häufig im Pashupatinath-Tempel. Es ist einer der interessantesten Orte der Stadt. Jeden Abend findet eine große hinduistische Zeremonie statt. Außerdem verbrennen die Menschen ihre Verstorbenen am Ufer eines Flusses, der durch das Areal des Tempels fließt.

Nun rückte die Abreise immer näher. Den Tag vor unserem Flug verbrachte ich auf dem Shanti-Gelände. Diesmal ohne Kamera. Ich nahm mir Zeit, nochmal all die Menschen zu besuchen, die wir in den vergangenen Wochen gefilmt hatten. Über die Wochen waren Freundschaften entstanden. Ich fühlte mich von den Menschen herzlich aufgenommen und es fiel mir schwer, jetzt aufzubrechen. Von vielen Personen bekam ich Abschiedsgeschenke – kleine Figuren von hinduistischen Göttern, die mich auf meinen Reisen beschützen sollen, sowie eine große Auswahl der Shanti-Kunst.

Bevor wir am nächsten Morgen ins Flugzeug stiegen, versammelten sich unsere engsten Freunde mit uns im Café. Wir verabschiedeten uns und versprachen, bald zurückzukommen. Für die herzliche Verbindung zu den Menschen hier bin ich sehr dankbar. Nepal fühlt sich ein kleines bisschen wie ein zweites Zuhause an.

Weitere Informationen zur Arbeit des Shanti Leprahilfe Dortmund e. V. auf shanti-leprahilfe.de.

Das könnte Dich auch interessieren …