Ein gequältes Land

Auf Phnom Penh, die Hauptstadt von Kambodscha, hatte ich mich schon lange gefreut. Die Stadt liegt am Zusammenfluss der gewaltigen Ströme Mekong und Tonle Sap. Im Stadtzentrum ist der vereinte Flusslauf über einen Kilometer breit. Ich war gespannt, was mich erwarten würde.

Ich erreichte Phnom Penh mit dem Bus an einem Nachmittag. Um die Hauptstadt ausführlich kennenzulernen, wollte ich mir ein paar Tage lang Zeit nehmen. Ich legte direkt los. Zu Fuß erkundete ich die verschiedenen Viertel und konnte schon bald einen guten Eindruck gewinnen. Ich war überrascht, denn die Stadt fühlte sich im Vergleich zu anderen asiatischen Metropolen ruhig und beinahe dörflich an. Sie war bei weitem nicht so chaotisch und exzentrisch, wie ich es erwartet hätte – und das, obwohl hier über zwei Millionen Menschen leben. Es gab hier und da ein paar Märkte und einige Tempel, aber insgesamt wirkte Phnom Penh auf mich eher verschlafen. Für Einheimische und Auswanderer ist es sicherlich ein angenehmer Ort zum Wohnen. Und auch ich fühlte mich wohl und freute mich, wieder ein wenig zur Ruhe zu kommen.

In Phnom Penh kann man der tragischen Geschichte Kambodschas begegnen, von der ich nun erzählen möchte.

Hinweis: Der folgende Text enthält belastende Schilderungen von Gewalt, Folter und Massenmord.

Lange Zeit war das Land eine französische Kolonie, bevor es 1953 vollständig unabhängig wurde. Kurz darauf brach der Vietnamkrieg aus. Kambodscha war in den Sechzigerjahren ein wichtiges Rückzugsgebiet für die Untergrundarmee der Vietnamesen. Auf Befehl des US-Präsidenten Richard Nixon wurde Kambodscha ab 1969 großflächig bombardiert. In dem leidgeplagten Land wuchs die Unterstützung für eine kommunistische Partei. Die Roten Khmer starteten als eine Guerillabewegung und kamen 1975 unter Führung von Pol Pot an die Macht. Viele Kambodschaner hatten Hoffnung und ahnten nicht, welch grausame Zeit gerade begonnen hatte: Schreckliches, unvorstellbares Leid erwartete sie.

Ich besuchte das ehemalige Gefängnis „S-21“ (heute Tuol-Sleng-Genozid-Museum), das die Roten Khmer 1976 in Phnom Penh errichtet hatten. Es war nur eine von rund zweihundert Einrichtungen dieser Art im damaligen Kambodscha. Die kommunistische Bewegung wollte die Gesellschaft des Landes in eine Art Agrarkommunismus überführen. Die Menschen sollten für die Versorgung auf den Feldern arbeiten, während die Industrialisierung und der Kapitalismus als Bedrohung für die Gesellschaft angesehen wurden. Die Führung der Khmer strebte ein Volk von bildungslosen und gefügigen Bauern an. Deshalb haben sie die Menschen aus den Städten aufs Land getrieben und zur Arbeit gezwungen. Innerhalb weniger Tage hatten die Roten Khmer nach ihrer Machtergreifung Städte wie Phnom Penh entvölkert. Viele Menschen starben an Mangelernährung und Erschöpfung bei dieser Zwangsarbeit. Und darüber hinaus hat das neue Regime systematisch alle Menschen vernichtet, die es als Bedrohung wahrnahm. Lehrer, Personen mit Fremdsprachenkenntnis, Brillenträger, politisch engagierte Bürger, Reisende, Menschen mit weichen Händen – wer den Anschein erweckte, gebildet oder kapitalistisch zu sein, war eine Bedrohung.

Nun stand ich also im Gefängnis S-21, wo unschuldige Menschen gefoltert wurden, weil sie „verdächtig“ waren. Im Ohr trug ich den Audioguide auf Deutsch. „Sie haben gerade einen alptraumhaften Ort betreten. Wenn Sie diese Stätte verlassen, kehren Sie in Ihr normales Leben zurück. Doch das traf nicht zu für die vielen tausend Menschen, die die Roten Khmer einstmals hierherbrachten.“, sagte die ernste Stimme. In den nächsten Stunden lief ich durch die Räume von S-21. Das Gebäude war früher eine Schule. Doch die Roten Khmer hatten die Klassenzimmer vermauert und in winzige Zellen unterteilt. Einige Räume waren zu Folterkammern umgerüstet, in denen Frauen, Männer und Kinder gequält und vergewaltigt wurden. In der Ausstellung sieht man Fotos und liest Geschichten der Betroffenen. Sie wurden so lange gefoltert, bis sie ein erfundenes Geständnis unterschrieben. Sie seien Staatsfeinde, ausländische Spione, Kapitalisten… Das Geständnis war ihr Todesurteil. Je nach Schätzung haben die Roten Khmer in nur vier Jahren zwischen 1,7 und 2,2 Millionen Menschen ermordet. Viele von ihnen waren Insassen von S-21. So auch der Künstler Vann Nath. Er war einer von nur sieben Überlebenden in S-21. Er überlebte, weil er auf Befehl Porträts vom Anführer Pol Pot (auch Bruder Nr. 1 genannt) malte. Nachdem er befreit wurde, nutzte er die Leinwand, um seine Erinnerungen festzuhalten. Seine Bilder zeigen, wie Dutzende Menschen zusammengekettet in einem engen Raum liegen, wo sie sich nicht bewegen dürfen. Wie sie halb totgeschlagen werden, oder an einem ehemaligen Kinderklettergerüst auf dem Schulhof aufgehängt werden. Seine Geschichte hat er auch in seinem Buch „Ich malte um mein Leben: Im Todeslager der Roten Khmer in Kambodscha“ festgehalten.

In den Räumen darf man nicht fotografieren, um die Würde der Betroffenen zu wahren. Daher habe ich nur ein paar wenige Bilder im Außenbereich und durch die Fenster aufgenommen.

Anschließend besuchte ich das „Choeung Ek Völkermord-Gedenkzentrum“, oft als Killing Fields bezeichnet. Wer in S-21 sein Geständnis unterschrieben hatte, wurde hier hingerichtet. Aber ebenso wie das Foltergefängnis ist diese Hinrichtungsstätte nur eine von sehr vielen, die es in den Siebzigerjahren in Kambodscha gab. Auch hier leitete mich ein Audioguide über das Gelände. Es war auf den ersten Blick unscheinbar: Als ich auf den Killing Fields ankam, stand ich vor einer hügeligen Wiese und einem Stupa in der Mitte. Doch Schritt für Schritt erfuhr ich die Geschichte. Wer unter Folter ein Geständnis abgelegt hatte, wurde nachts hier angeliefert. Meistens waren es ganze Familien, sogar mit Kindern. Oft wurden auch Verwandte und Bekannte festgenommen, die die Person unter Zwang „verraten“ hatte müssen. „Viele schworen, dass auch ihre Familienmitglieder schuldig waren. Es ist nicht leicht, darüber ein Urteil zu fällen. Können Sie von sich behaupten, dass Sie unter diesen Umständen nicht dasselbe getan hätten?“, fragte mich der Audioguide. Die Neuankömmlinge wurden oft noch in derselben Nacht hingerichtet. „Vielleicht verspürten einige in ihrem Herzen Erleichterung. Sie hatten bereits genug gelitten“, vermutete das Tonband mit ernster Stimme. Die Menschen wurden mit barbarischen Mitteln ermordet, denn die Soldaten der Roten Khmer wollten Munition sparen. Sie erschlugen ihre Gefangenen mit Schaufeln oder einer Wagenachse – oder schnitten ihnen mit den scharfen Blattstielen der Zuckerpalme die Kehle durch. Diese Palmen wachsen noch heute zuhauf auf dem Gelände. Während der ganzen Tortur liefen kommunistische Propagandalieder aus einem Lautsprecher, die vor allem die Schreie der Sterbenden übertönen sollten. Wandert man heute über das Gelände, sieht man viele Gruben. Es sind ehemalige Massengräber. Die tausenden Knochen und Skelette der Verstorbenen hat man vor einigen Jahren ausgegraben und untersucht, um besser zu verstehen, wie sie hingerichtet wurden. Doch noch heute liegen unter der Erde vielfältige Überreste der Ermordeten. An einigen Stellen konnte ich Knochensplitter oder Kleidungsfetzen am Boden entdecken. Regelmäßig sammeln die Mitarbeiter der Gedenkstätte alles ein, was Regen und Wind zu Tage fördern. In der Mitte des Grundstückes steht ein Baum, der Killing Tree. Damals haben die Roten Khmer kleine Kinder dagegen geschlagen, um sie zu ermorden. Ihre Mütter mussten zusehen, bevor sie selbst getötet wurden. Heute haben die Besucher hunderte Armbändchen in die Rinde des Killing Trees geflochten. Das Leid, das sich hier (sowie im ganzen Land) abgespielt hat, ist unbegreiflich. In dem Stupa nebenan ruhen Knochen und Schädel der Toten. Das Bauwerk vermischt hinduistische und buddhistische Elemente. Am Killing Tree war auch ein Jesus-Bändchen zu sehen. Der Glaube mancher Menschen an eine liebende, gerechte Göttlichkeit und der hier sichtbare Schrecken bildeten für mich einen starken Kontrast, der mich an der Welt zweifeln ließ. Bestürzt, nachdenklich, auch ein wenig wütend, machte ich mich auf den Heimweg. Der Audioguide verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass dies nicht der einzige schreckliche Völkermord gewesen war. In Deutschland, Russland, Ruanda, China, den USA, Argentinien und Chile haben ähnliche Verbrechen stattgefunden. „Tragischerweise wird es wahrscheinlich wieder geschehen.“, gab mir die Stimme auf den Weg noch mit.

Das grausame Regime wurde 1979 von den vietnamesischen Truppen gestürzt. Eine neu eingesetzte Regierung versuchte danach, das Land wiederaufzubauen. Sie fingen praktisch bei null an. Schulen, Krankenhäuser, die Verwaltung, Polizei und Justiz mussten wiederhergestellt werden. Die nötigen Experten waren aber entweder tot oder ins Ausland geflohen.

Diese einschneidende Zeit liegt weniger als 50 Jahre zurück. Wenn man durch die Straßen von Phnom Penh läuft, sieht man natürlich viele Menschen, die älter sind. Sie alle haben diese Zeit miterlebt. Und die jüngeren Kambodschaner sind nur die erste oder zweite Generation, die dem Schrecken folgt. Ich glaube, dass fast jeder in diesem Land irgendeine persönliche Erfahrung mit dem Regime der Roten Khmer gemacht hat. Und tatsächlich kommt das Thema oft zur Sprache, wenn man sich mit Einheimischen ein wenig länger unterhält. Viele haben mir erzählt, dass sie als Kinder von der Stadt auf das Land getrieben wurden oder dass Familienangehörige umkamen oder fliehen mussten. Auf den zweiten Blick ist die Gesellschaft der herzlichen und freundlichen Kambodschaner noch heute von Leid geprägt. „Fast alle Angehörigen der älteren Generation und meiner Generation sind noch immer traumatisiert vom Völkermord der Roten Khmer.“, erzählte mir ein Mann. „Wir haben gelernt, das zu verstecken und mit dem Drama zu leben. Es hat uns irgendwie auch stärker gemacht, und freundlicher.“

Es ist beeindruckend, dass Phnom Penh heute wieder das Zuhause von über zwei Millionen Menschen ist. Sie alle sind nach der Schreckenszeit in die Geisterstadt zurückgekehrt. Abends besuchte ich oft die Uferpromenade im Stadtzentrum. Dort gibt es einen riesigen Streetfoodmarkt, der bei Nacht tausende Besucher anzieht. Während ich über den Markt lief, musterte ich die Menschen. Was hatten sie erlebt? Wie geht es ihnen heute?

Eines Abends unternahm ich eine Schiffstour auf dem Mekong und dem Tonle Sap. Die Sunset-Cruises sind eine beliebte Touristenattraktion. Kurz vor Sonnenuntergang fuhren verschiedene Schiffe los. Unseres war zweistöckig und hätte sicherlich über hundert Gäste aufnehmen können. Wir waren aber nur rund 20 Personen an Bord. Während die fernen Häuser an uns vorbeizogen, erklärte uns der Guide die Besonderheiten der Stadt. Er hatte einen großartigen Humor. Wir fuhren an kleinen Inseln mitten im Fluss vorbei, wo Dutzende Fischerboote verankert lagen. Auf einigen Schiffen lebten die Fischer mitsamt ihren Kindern. Andere bewohnten kleine Hütten auf Stelzen am Flussufer. Es war schön zu sehen, wie die ganze Stadt in goldenes Licht gehüllt friedlich vor uns lag.

Auf dem Rückweg unterhielt ich mich mit dem Guide. Warum so wenig Gäste hier seien, wollte ich wissen. Der lustige Mann wurde ernst. Der Konflikt mit Thailand halte die Touristen fern, selbst hier im Osten, erklärte er. Viele Menschen in Kambodscha sind überzeugt, dass sie von Thailand bösartig überfallen wurden. Ende Dezember spitzte sich der Konflikt immer weiter zu. Lokale Medien (zum Beispiel die Kiripost) berichteten am Tag meines Ausfluges, dass bereits über 500.000 Kambodschaner auf der Flucht seien. Auch Todesfälle hatte es auf beiden Seiten gegeben. Unser Guide war verzweifelt. Er redete sich in Rage, wütend und traurig. Er sagte, dass er keine Kraft mehr habe, für solche Kriege. Er hat als Kind bereits gelitten und Verwandte seien verschwunden. Nun sorge er sich, dass seine Kinder in den Krieg ziehen müssen. Jeden Abend weine er sich in den Schlaf, erzählte er mir, bereits wieder mit Tränen in den Augen. Nach einigen Minuten hielt er inne. „Wir können nichts ändern. Wir können nur lächeln“. Er setzte ein steinernes Lächeln auf, umarmte mich lange und ich ging von Bord.

Während ich diese Zeilen schreibe, hat sich der Grenzkonflikt etwas beruhigt. Am 27. Dezember 2025 unterzeichneten beide Parteien einen Waffenstillstand, aber die Lage bleibt angespannt und die Grenzstreitigkeiten sind weiter ungeklärt. Die Bevölkerung in Kambodscha (und vielleicht auch in Thailand) ist weiterhin besorgt.

Ich lief nach Hause, am dunklen Flussufer entlang. Auf dem Weg lag ein kleiner Tempel. Menschen kommen hierher, um Gebete zu sprechen. Ringsum sitzen Händler, die für wenig Geld Vögel verkaufen. Man kann sie fliegen lassen. Im buddhistischen Glauben kann die „Befreiung“ der gefangenen Tiere gutes Karma bringen. Vielleicht erfüllt sich die Sehnsucht nach Frieden, Wohlstand und Sicherheit aufgrund der guten Tat. Doch für viele Vögel ist der Brauch tödlich. Nach Tagen im Käfig waren sie völlig entkräftet. Ich sah sie abheben, und wenig später abstürzen. Die unfreiwilligen Bruchpiloten lagen rund um den Tempel am Boden. Ich hoffe, dass sich die guten Wünsche der Menschen trotzdem erfüllen.

Demnächst werde ich noch von meiner Zeit an der Küste berichten, doch schon jetzt hat das Land einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich kann den tapferen und freundlichen Kambodschanern nur das Allerbeste wünschen.

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