Urwald und Flussdelfine im Osten Kambodschas

Erst vor Kurzem war ich in Kambodscha angekommen und hatte mir die beeindruckenden Tempel rund um Angkor Wat angeschaut. Nun wollte ich das ländliche Kambodscha entdecken, fernab der touristischen Pfade. Mit dem Bus fuhr ich nach Stung Treng im Osten des Landes. In meinem Reiseführer steht kaum etwas über die Stadt. Doch ich hatte auf einem Satellitenbild gesehen, dass sich genau hier zwei mächtige Flüsse vereinen, der Mekong und der Tonle Sekong. Die Landschaft sah von oben so spannend aus, dass ich sie selbst erkunden wollte. Als ich Stung Treng erreichte, wusste ich noch nicht, wie sehr mich der Nordosten Kambodschas in den nächsten Tagen begeistern würde.

Die Inselwelten des Mekong

Stung Treng hatte ich recht schnell erkundet. Es ist eine kleine Stadt am Fluss. Das Zentrum kann man zu Fuß in wenigen Minuten durchschreiten. Nun aber wollte ich wissen, wie ich mir am besten den berühmten Mekong anschauen kann. Ich hörte von einem Dorf direkt am Fluss, von wo aus ich mit dem Kajak losfahren könnte. Früh am nächsten Morgen erreichte ich den Ort.

Als ich im Dorf ankam, begrüßte mich Ravy. Er sprach kaum Englisch, doch mit Händen und Füßen machte er mir klar, dass er mein Guide sei, und wir liefen zum Steg. Dort warteten sein Vater und ein lokaler Fischer. Mit dem Motorboot brachte er uns und zwei Kajaks in die Mitte des Flusses. Der ist hier über einen Kilometer breit. Doch mitten im Strom liegen große Inseln, die so lang sind, dass sie sich schon wie ein Ufer anfühlen. Eigentlich sind es Sandbänke, die der Mekong über Jahre angeschwemmt hat. Am Rande einer solchen Insel, der Koh Han, stiegen wir in die Kajaks und fuhren los. Unser Abenteuer begann. Wir paddelten gemütlich an der Insel entlang. Mein junger Begleiter saß mit mir im Boot, sein Vater hatte ein eigenes Kajak, und der Fischer trieb im Motorboot hinterher. Unser Boot ging sofort auf Schlingerkurs. Ravy ist noch Paddelanfänger, so schien es. Doch er war hochmotiviert und außerdem gut gelaunt, sodass wir durchweg großen Spaß hatten. Wir legten an und die drei begannen, im Sand nach Grillen zu suchen. Ich wusste es vorher nicht – aber die hier lebenden Riesengrillen vergraben sich tatsächlich im weichen Sand, den der Fluss angespült hat. Sie sind ein beliebter Snack. Dann ging es weiter. Wir erreichten einen Wald, den Ravy als Flooded Forest bezeichnete. Hier standen mächtige Bäume mitten im Wasser. Mit Händen und Füßen erklärte er mir, dass die Flut zur Regenzeit um einige Meter ansteigt. Dann schauen nur noch die Baumkronen aus dem Wasser. Nun aber war der Mekong so flach, dass selbst die Wurzeln zu sehen waren. Wir fuhren eine Weile durch den überfluteten Wald, dann legten wir an und setzten unsere Erkundung zu Fuß fort. Ravy führte mich an flachen Stellen durch das Wasser: Wir wanderten quasi durch einen Wald, waren aber bis zum Knie im Fluss. Es war wirklich schön! Später las ich, dass es an manchen Stellen des Mekong auch Fälle der Bilharziose gibt, aber hier wäre das kein Problem, versicherten mir die Einheimischen. Die Strömung sei recht schnell und in der Nähe gäbe es keine Siedlungen, die das Wasser verunreinigen würden.

Nach dieser Wasser-Wald-Wanderung war der Trip beendet – eigentlich. Denn zurück zur Anlegestelle sollte uns das Motorboot bringen, weil man gegen die Strömung nicht anfahren kann. Ich bat Ravy, doch noch bei einer anderen Insel vorbeizuschauen, die ich auf dem Luftbild entdeckt hatte. Kein Problem. Wir fuhren einen kleinen Umweg und erreichten Kaoh Snaeng. Hier gingen wir sogar kurz an Land. Ravy führte mich durch einen dichten Dschungel bis zu einem großen Feld. Ich sah, dass die Insel bewohnt war und die Menschen hier Landwirtschaft betrieben. Dann fuhren wir weiter, zurück in Ravys Dorf, und kamen unterwegs an weiteren Hütten vorbei. Es war ein schöner Ausflug. Wer etwas mehr Geld ausgeben möchte, bekommt eine ähnliche Tour auch mit einem englischsprachigen Guide von Reiseveranstaltern in Stung Treng angeboten.

Ich lieh mir einen Motorroller und verbrachte einen weiteren Tag am Mekong. Diesmal fuhr ich zuerst zu den Preah Nimith Wasserfällen. Hier, direkt an der Grenze zu Laos, stürzt der Mekong eine (nicht allzu hohe) Stufe herunter. Doch aufgrund der Breite des Flusses ist das ein durchaus beeindruckendes Naturschauspiel. In der Nähe gibt es kleine Fischersiedlungen und einen Tempel im Dschungel. Auf dem Rückweg hielt ich einige Male an, um mir die Bauerndörfer entlang des Weges anzuschauen.

Am Abend fuhr ich noch in ein kleines Dorf, genau da, wo sich die beiden Flüsse Mekong und Tonle Sekong treffen. Von dort aus kann man die untergehende Sonne über dem Wasser beobachten. Den nächsten Morgen verbrachte ich auf dem lokalen Markt und fuhr dann mit dem Bus nach Ban Lung.

Authentisches Landleben in Ban Lung

Von der kleinen Stadt am östlichen Rand Kambodschas hatte ich tatsächlich im Reiseführer gelesen. Besonders unberührt sei die Natur. Auch zwei Franzosen, die ich in Stung Treng getroffen hatte, schwärmten von dem Ort. Also fuhr ich hin. Ich hatte keinen Plan, doch darum würde ich mich vor Ort kümmern. Ich wohnte in einem kleinen und sehr rustikalen Bungalow am Rande der Stadt. Hinter meinem Haus begannen die Felder, vor der Tür kläfften nachts die Hunde. Im Zimmer waren Geckos und bei meiner Ankunft ein Frosch.

Jammy, der Besitzer, konnte mir einige Tipps geben. Und so verbrachte ich, seiner Empfehlung folgend, meinen ersten Tag mal wieder auf zwei Rädern. Mit seinem Motorroller fuhr ich durch die grüne Landschaft. Ich besuchte einige Wasserfälle, die allesamt beinahe menschenleer waren. An einem der Wasserfälle war wohl mal ein Resort geplant, denn nebendran stand eine Holzhütte, die völlig verfallen langsam den Hang hinabrutschte. An einem zweiten sammelte sich am Ufer der Müll. Doch insgesamt waren alle drei Wasserfälle sehr schön.

Unterwegs kam ich immer wieder an Kautschukplantagen vorbei. Das Geschäft mit dem weißen Harz der Bäume ist besonders lohnend. Naturkautschuk wird hauptsächlich für die Herstellung von Autoreifen genutzt. Riesige Urwälder wurden hier bereits gerodet, weil die Menschen ihre Plantagen anlegen. Kambodscha zählt zu den weltweit größten Exporteuren von Kautschuk.

Die Region um Ban Lung ist auch aus einem anderen Grund interessant: In dieser Gegend leben einige ethnische Volksgruppen, die eine sehr kleine Minderheit bilden. Fast alle Menschen in Kambodscha sind Khmer. Auch die Sprache heißt Khmer und die offizielle Währung ist der Khmer-Riel. Die hier lebenden Menschen gehören aber teilweise winzigen Volksgruppen an. Und so standen an einem der Wasserfälle auch kleine Hütten auf Stelzen, die von den Kreung gebaut wurden. Es sind sogenannte „Hütten für die junge Frau“ (Maiden Huts bzw. Houses of the Young Women). Die ursprüngliche Tradition der Kreung sieht vor, dass heranwachsende Mädchen im Teenageralter in eine solche Hütte umziehen und sich dort ganz frei mit Männern ihrer Wahl treffen und mit ihnen schlafen können. Sie sammeln Erfahrungen und können auf diesem Wege selbstbestimmt ihre wahre Liebe finden. Irgendwann, meistens in den Zwanziger Lebensjahren der jungen Frau, wird sie sich für einen Mann entscheiden, den sie heiratet. Sollte sie vorher schon Kinder geboren haben, so werden diese einfach in die junge Ehe mitgebracht. Diese Tradition strebt einen sehr freien Umgang mit Sexualität und Liebe an. Doch sie wird heute kaum noch praktiziert. Die Kreung leben nicht länger abgeschieden, sondern vermischt mit anderen Gruppen wie den Khmer. Durch diese Einflüsse verlieren sie das Vertrauen in ihre eigenen Traditionen. Trotzdem, die Hütten kann man in der Gegend hier und da entdecken.

Danach besuchte ich noch einen Vulkan in der Nähe. Der Krater ist mit Wasser gefüllt. Es ist also quasi ein ganz normaler See. Man kann ihn in circa einer Stunde umrunden.

Den Abend verbrachte ich mal wieder auf dem lokalen Markt. Diesmal musste ich Wanderkleidung kaufen, denn ich hatte mich entschlossen, im Rahmen einer mehrtägigen Expedition den Dschungel zu erkunden.

Doch davor hatte ich noch einen Tag Zeit. Jammy organisierte mir einen lokalen Guide, der mich auf seinem Motorrad durch die Gegend fuhr. Sakal zeigte mir einige Dörfer, die von den ethnischen Minderheiten bewohnt wurden. Insgesamt acht solcher Gruppen gibt es hier in der Gegend, zum Beispiel die Kreung, Tampuan und Jarai. Die Dörfer gleichen heute aber den Siedlungen der Khmer mit den typischen Holzhäusern auf Stelzen. Noch vor einigen Jahren lebten die meisten Menschen hier in kleinen Hütten aus Stroh oder Palmenblättern. Ein paar solcher Häuschen konnte man im Ort noch entdecken. Auch Sakal lebte als Kind in so einer traditionellen Behausung. Am Rande eines der Dörfer hatten die Menschen einen Fluss durch Bambusstämme umgeleitet. Da waren ein paar Frauen versammelt, die ihre Kleidung wuschen.

Am Nachmittag hatten wir ein besonders spannendes Ziel: In der Gegend um Ban Lung findet man den Edelstein Zirkon. Das Mineral entsteht aus Magma. Manche der Steine sind einige Milliarden Jahre alt. In Kambodscha liegt ein besonders großes Vorkommen. Es gibt rund um Ban Lung einige legale Abbauprojekte, und viele illegale, ohne Sicherheitsvorkehrungen, Naturschutzregelungen und an der Steuer vorbei. Eine solche gesetzeswidrige Mine besuchten wir. Sakal hatte mit großer Mühe einen Deal mit dem lokalen Edelsteinhändler geschlossen, der es ihm erlaubt, hin und wieder mit Besuchern zu kommen. Doch ich musste auf Fotoaufnahmen verzichten, um die verbotene Tätigkeit nicht zu gefährden. Ich werde genau beschreiben, was wir entdeckten. Die Minen sind in der Regel gut versteckt, so auch die unsere. Sakal steuerte eine kleine Farm an, hinter der viele Cashewnussbäume wuchsen. Vor dem Haus saß ein aufmerksamer Mann: Es war der Händler. Er hat einen Deal mit dem Bauern, dass er auf seinem Grundstück nach den Edelsteinen graben darf. Wir liefen durch die Plantage. Unter den grünen Baumkronen standen wir plötzlich vor einem tiefen Loch. Es war circa einen Meter breit und mindestens 10 Meter tief. Ganz unten, im Dunkeln des Schachts, flackerte eine Lampe. Man konnte den nackten Rücken eines Mannes sehen, der mit einer kleinen Gartenschaufel den weichen Grund durchpflügte. Mit der Taschenlampe suchte er die Zirkone, die im Licht funkeln. Oben, über der Grube, war eine Seilwinde aus Holz aufgestellt. Die Ehefrau des grabenden Mannes zog hin und wieder Eimer voller Sand hinauf. Und natürlich muss sie auch ihren Mann aus dem Loch kurbeln, wenn er eine Pause braucht, oder die Polizei kommt. Die beiden sind bei ihrer Arbeit vom lokalen Steinehändler abhängig. Jeder Zirkon geht an ihn. Sie bekommen eine Beteiligung. Sollten sie von der Polizei verhaftet werden, ist er dafür zuständig, ihre Freilassung zu verhandeln. Ich stellte der Frau ein paar Fragen, die Sakal übersetzte. Sie erzählte, dass die beiden kaum Geld verdienen, aber ohne diesen Job wüssten sie nicht, wie sie ihre Familie ernähren könnten. Bezüglich der Sicherheit sei sie unbesorgt. Hier sei noch nie etwas passiert. Sakal aber erzählte mir, dass sehr wohl in der Vergangenheit auch Arbeiter verschüttet wurden. Das Gespräch machte mich nachdenklich. Ja, die Menschen in Kambodscha sind oft sehr arm – und viele werden in solche Tätigkeiten hineingedrängt. Wir verabschiedeten uns und liefen zurück, vorbei an verlassenen Schächten, die bereits ausgebeutet waren. Ab und zu fallen Hühner oder Hunde hinein. Die Frau des Steinhändlers wollte uns noch ein paar Zirkone verkaufen. Die braunen Steine hatte sie erhitzt, sodass sie nun himmelblau funkelten. Ich lehnte dankend ab. Ich versprach nochmal, dass ich keinerlei Fotos veröffentlichen würde, und wir zogen ab. Solche Minen, wie wir sie hier gesehen hatten, gibt es in der Gegend zu Hunderten, versteckt in den Plantagen.

Zum Schluss zeigte mir Sakal einen lokalen Friedhof mitten im Wald. Die Dorfbewohner bestatten ihre Verstorbenen in kleinen Hütten. Sie platzieren Dinge auf den Gräbern, die die Geister der Toten nutzen können. Zum Beispiel Getränke in Dosen, ein Radio, Bargeld, ein Bett oder sogar ein Moped. Nach einem Jahr der Trauer bleiben die Gräber sich selbst überlassen und der Wald überwuchert sie langsam, bis sie restlos verschwunden sind. Sakal erzählte mir viel über den animistischen Glauben der Menschen. An einem Grab einer Frau, die mit Mitte Zwanzig verstorben war, blieben wir besonders lange stehen. Sie hatte erfolgreich Physik studiert, was im Dorf zu Neid und Missgunst führte, so erzählte er mir. Irgendjemand müsse sie vom lokalen Schamanen verfluchen lassen haben, nur so sei der frühe Tod zu erklären. Ein solches Vorgehen sei weit verbreitet. Der Tag mit Sakal war eine großartige Möglichkeit, einen tiefen Einblick in das Leben der Dorfbewohner im Nordosten des Landes zu bekommen.

Dschungelwanderung im Virachey Nationalpark

Am nächsten Morgen begann unser größtes Abenteuer: Ich hatte mich einer Dschungelwanderung angeschlossen, die von Jammy organisiert wurde. Fünf Reisende waren da. Der sechste hatte spontan abgesagt, weil sich die Kämpfe zwischen Thailand und Kambodscha in diesen Tagen zuspitzten. Im Osten des Landes waren wir zwar weit entfernt, aber ich bekam in diesen Tagen immer wieder mit, dass Touristen das Land verließen.

Mit dem Geländewagen fuhren wir eine Stunde lang über eine staubige Straße gen Norden. Dann brachte uns ein Schiff über einen Fluss. Am anderen Ufer holten uns Mopedfahrer ab, die uns über einen Feldweg mit knietiefen Schlaglöchern und über eine eingestürzte Brücke in den Dschungel hinein transportierten. Wir befanden uns am Rande des Virachey Nationalparks. Sakal war unser Guide. Außerdem begleiteten uns Benh und Kheach, zwei Dorfbewohner, die den Dschungel seit Kindertagen kennen. Drei Tage lang würden wir durch den Urwald wandern, in Hängematten übernachten und in Flüssen baden.

Die Gruppe war mir sofort sympathisch. Ein nettes Paar aus Spanien und Polen war dabei. Außerdem Judit aus Deutschland, sowie ein Österreicher namens Valentin. Wir drei waren direkt ein Team. Während der stundenlangen Wanderungen unterhielten wir uns über viele Dinge. Die beiden hatten einen guten Humor. Es tat gut, nach langer Zeit mal wieder ausführlich mit anderen Reisenden zu sprechen. Die Wanderung selbst war beschwerlich, aber das war ja genau, was wir suchten. Wir mussten uns durch dichtes Unterholz schlagen. Die Guides schlugen den Weg mit Macheten frei, und man merkte ihnen an, dass sie das Bushwhacking ganz besonders genossen. Diesen Ausdruck, geprägt durch die Guides, übernahmen wir sofort in unseren Wortschatz. Bushwhackend zogen wir also durch den Wald: Ein gezielter Schlag brachte selbst den größten Bambus zur Strecke. Auch ganze Brücken konnten sie craften (also herstellen), indem sie das geschlagene Holz über den Fluss legten. Aufmerksam und begeistert beobachteten wir das Schauspiel. Sakal erklärte uns die Geheimnisse des Dschungels. Er kannte Hölzer, aus denen man Medizin gegen Malaria herstellt. Er hatte die Krankheit schon dreimal erlitten, weil es hier viele Tigermücken gibt. Außerdem wachsen im Wald mit Wasser gefüllte Lianen, die man austrinken kann. Und dann der Höhepunkt: Die drei schlugen sich in einen besonders dichten Strauch hinein und waren verschwunden, doch wir hörten sie hacken und sahen die Baumwipfel erzittern. Ein riesiger Stamm krachte zu Boden, dann ging das Hacken weiter. Die drei wollten ein bestimmtes Holz harvesten (ernten), das sie später kochen würden. Nach einer halben Stunde kamen sie zurück und hatten drei kleine Äste in der Hand. Uns hatten inzwischen Blutegel attackiert, die hier auch an Land leben. Die kleinen Blutsauger kriechen in beeindruckender Geschwindigkeit über den Boden, klettern die Beine hinauf und verbeißen sich. Manchmal haben wir sie erst bemerkt, wenn Blut durch das T-Shirt tropfte. Dann war es bereits zu spät: Der Parasit hatte sich vollgesogen und fallen gelassen. Zurück blieb die offene Wunde. Einmal mussten wir durch einen Fluss waten, der für eine Brücke zu breit war. Dabei biss mir ein Fisch in den Fuß, sodass mein Zeh blutete.

Abends erreichten wir einen kleinen Bach, wo die Guides wohl ein paar Wochen vorher bereits ein Gestell gebaut hatten, an dem wir unsere Hängematten befestigen konnten. Die typisch kambodschanischen Hängematten, die man auf jedem Markt findet, sind einem militärischen Design nachempfunden. Der Stoff ist mit unterschiedlichen Logos versehen, unter anderem mit dem Schriftzug der U.S. Navy sowie einem Reichsadler mit Hakenkreuz. Was uns der Künstler mit diesem Design sagen will, weiß ich nicht, aber in Kambodscha findet man diese Hängematten überall.

Sakal lud uns zu einer Nachtwanderung ein. Und tatsächlich sahen wir im Schein der Taschenlampe interessante Tiere: Skorpione, Hundertfüßler, Spinnentiere und tausende Wanderameisen waren im Dunkeln auf der Pirsch. Auch eine Tigermücke flog an uns vorbei. Sakal wollte sie mit der Machete erschlagen, aber verfehlte sie. Da ich ohnehin Tabletten zur Malariaprophylaxe einnahm, war ich unbesorgt. Währenddessen kochten die Guides unser Essen. Dazu füllten sie die Zutaten in frisch geschlagene Bambusrohre, die sie mitten ins Feuer legten. Das nasse Holz verbrannte nicht, und im Inneren wurde unser Essen wie in einem Thermomix erhitzt. Dschungelexpertise. Dann gab es zwei Flaschen Palmwein und der Tag war beendet. Die Nacht in der Hängematte war für uns alle herausfordernd. Es war eiskalt.

Morgens um vier machten wir uns auf die Suche nach Gibbons. Die soll es hier im Wald zuhauf geben. Jammy hatte mir erzählt, dass die Chancen auf Gibbonsichtungen fifty-fifty betrugen. Wir liefen also im Dunkeln durch das Unterholz. Stundenlang. Zur Dämmerung konnten wir die Affen tatsächlich in der Ferne rufen hören, aber zu Gesicht bekamen wir sie nicht. Sakal erklärte uns später, dass er sie in diesem Jahr erst zweimal gesehen hatte. Aber es sei halt Glückssache. Man findet sie oder eben nicht. Erfolg oder Misserfolg, also fifty-fifty.

Wir kehrten zum Camp zurück, frühstückten, und setzten unsere Wanderung fort. Diese Etappe war besonders anstrengend, weil wir ziemlich oft bergauf oder bergab wanderten. Irgendwann ließ bei mir die Konzentration nach. Valentin kämpfte mit krampfenden Muskeln. Judit war topfit und bezeichnete unseren Gewaltmarsch wiederholt als Spaziergang, obwohl sie freiwillig einen riesigen, schweren Sack Reis eingepackt hatte. Sie war offensichtlich deutlich sportlicher als wir. Irgendwann stürzte ich und wollte mich mit beiden Händen an einem Baumstamm festhalten. Der hatte spitze Dornen, die sich in meine Hände bohrten. Die meisten konnte ich entfernen, aber einige sitzen noch heute (also rund drei Wochen später) tief unter meiner Haut. Hin und wieder fällt einer aus.

Am Abend erreichten wir unser zweites Camp. Es lag an einem Wasserfall, wo wir auch schwimmen konnten. Unser Guide Kheach fing Frösche, die er für uns grillte. Später spielten wir Uno, und versuchten, das Spiel auch unseren Guides beizubringen.

Die zweite Nacht in der Hängematte war ebenso ungemütlich wie die erste. Erneut hatte uns die Kälte wachgehalten. Nun wanderten wir zurück und erreichten tatsächlich nach ein paar Stunden den Rand des Dschungels. Zerschunden, mit verschiedenen Wunden übersät, aber irgendwie auch glücklich. Der Urwald ist ein harter und gnadenloser Lebensraum. Hier drei Tage lang zu bestehen, war für uns alle ein großes Abenteuer. Und obwohl wir keine Gibbons und eigentlich überhaupt fast keine Tiere zu sehen bekamen, habe ich doch aufgrund der guten Gesellschaft die Wanderung genossen.

Wir besuchten einen weiteren Friedhof am Rande des Waldes, der dem ähnelte, den wir ein paar Tage zuvor gesehen hatten. Und zum Schluss zeigte uns einer der Guides, wie er mit Tabak aus seinem Garten und wilden Blättern seine Zigaretten dreht. Obwohl wir alle Nichtraucher waren, probierte jeder, an der ungewöhnlichen Zigarette zu ziehen.

Mit vielen neuen Eindrücken verließen wir noch abends Ban Lung. Ich fuhr zusammen mit Judit nach Stung Treng zurück. Einen Tag später reisten wir nach Kratie.

Flussdelfine in Kratie

Wenn man den Mekong von Stung Treng aus nach Süden entlangfährt, erreicht man irgendwann Kratie. Hier leben seltene Flussdelfine. Der Irawadi-Delfin ist etwas länger als zwei Meter und hat einen runden Kopf, sodass er nicht wie ein typischer Delfin aussieht. Die meisten Irawadi-Delfine leben im Meer, in der Nähe von Flussmündungen. Hier in Kratie gibt es eine Süßwasserpopulation von etwa 100 Tieren. Judit hatte einen Guide gefunden, der uns per Paddelboot zu den Delfinen führte. Phearom sprach exzellentes Englisch und war ein ebenso erfahrener Paddler. Wir fuhren entlang der typischen Mekonginseln. Auch hier gab es ein paar Bäume im Fluss, allerdings keinen Flooded Forest wie im Norden des Landes. Unterwegs hielten wir an einer Stromschnelle zwischen zwei Sandbänken, wo wir schwimmen konnten. Als ich von einer Kante aus in den Fluss sprang, schlug ich mit dem Fuß auf einen Stein, sodass meine Ferse blutete. Zum Glück war die Wunde auf den zweiten Blick nicht sonderlich groß (und alles verheilte innerhalb weniger Tage). Kurz darauf erreichten wir die Stelle, wo die Delfine leben. Sie sind immer genau hier, ein Stück nördlich von Kratie, weil sie in den Stromschnellen in diesem Bereich wohl besonders reiche Beute finden. Eine Stunde lang blieben wir hier. Ich versuchte, die Tiere zu fotografieren. Zu sehen waren sie ständig, weil sie nur etwa eine Minute lang unter Wasser bleiben können. Doch sie mit der Kamera zu erwischen, war schwierig. Sie tauchen einfach zu schnell wieder ab.

Die Tour war wirklich schön. Im goldenen Licht der untergehenden Sonne fuhren wir zurück nach Kratie.

Am nächsten Tag wollten wir das Ufer des Mekong auf eigene Faust erkunden. Wir mieteten einen Motorroller und fuhren los. Schon nach einer halben Stunde platzte der Reifen und wir mussten eine Werkstatt aufsuchen. Die Reparatur kostete 3,50 USD. Der Unfall sei aber der schlechten Wartung des Mopeds zuzuschreiben, erklärte der Monteur, und zeigte entrüstet auf den porösen Mantel, der wohl den Schlauch zermalmt hatte. Ich habe wohl tatsächlich ein besonders schlechtes Moped erwischt. Auch das Nummernschild fehlte, wie wir später bemerkten.

Nun aber ging es weiter. Wir hatten einen wunderbaren Tag am Fluss und erkundeten kleine Dörfer, Reisfelder, einen Tempel und eine Ziegelbrennerei. Unterwegs trafen wir eine Gruppe kleiner Kinder, die begeistert mit Judit herumtobten.

Am Nachmittag setzten wir per Autofähre auf die Insel Kaoh Trong über. Das Boot legte am Ufer einer weichen Sandbank an. Die Einheimischen haben aus Bambus eine Straße gebaut, die über den Sand in ihr Dorf führt. Die kleine Siedlung auf der Insel erkundeten wir nun. Verstreut lagen kleine Häuser inmitten weiter Felder oder großer Obstplantagen. Als wir eine Pause machten, sprach uns eine Bäuerin an. Sie führte uns auf ihre Farm und begann sofort, uns reife Pomelos zu schälen. Chan Thy hieß die Dame. Sie war offensichtlich erfreut über unseren Besuch, lachte und redete auf uns ein, allerdings verstanden wir natürlich nichts von dem, was sie sagte. Also rief sie eine Freundin an, die per Telefon übersetzte. Chan Thy sei Pomelohändlerin – das dachten wir uns – und verkauft jeden Morgen auf dem Markt in Kratie. Sie wolle uns Früchte schenken und möchte wissen, ob wir außerdem noch irgendetwas brauchen würden. Eine so herzliche Gastfreundschaft begeisterte uns. Die gutgelaunte Frau führte uns über ihr Land und zeigte uns ihre Bäume und Felder. Ich sollte besonders viele Fotos von ihr schießen. Immer, wenn die Kamera auf sie gerichtet war, bemühte sie sich um eine ernste Miene. War das Foto gemacht, brach sie wieder in sympathisches Gelächter aus. Sie packte uns noch einige Früchte ein und wir verabschiedeten uns. Diese freundliche, wohlwollende und bedingungslose Gastfreundschaft haben wir in Kambodscha oft erlebt.

Als sich der Tag dem Ende neigte, setzten wir nach Kratie über. Es war ein eindrücklicher und schöner Tag. Insgesamt hat sich der Ausflug in den Nordosten Kambodschas sehr gelohnt. Dieser Teil des Landes bietet authentische Eindrücke in das Leben der Menschen.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus in die Hauptstadt Phnom Penh. Judit musste noch vor Weihnachten nach Hause fliegen und ich hatte mir vorgenommen, in Phnom Penh mehr über die Geschichte des Landes zu erfahren. Hier gibt es ein Foltergefängnis und eine Hinrichtungsanlage der Roten Khmer zu sehen. Die Gedenkstätten stehen stellvertretend für hunderte Einrichtungen dieser Art. Sie bieten einen erschütternden Einblick in eine nicht lang vergangene Zeit. Der Völkermord in den Siebziger Jahren prägt viele Kambodschaner bis heute.

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