Tauchen in Kambodscha

Ich saß in einer kleinen Fähre, die erstaunlich schnell über die unruhige See schoss. Immer wenn sie eine Welle zerschnitt, flog ein Wasserschwall am Fenster vorbei. Ich war auf dem Weg zu einer kleinen Insel, rund 15 Kilometer vom Festland entfernt.

Zum Abschluss meiner Reise durch Kambodscha wollte ich ans Meer. Das Land hat eine 400 Kilometer lange Küstenlinie am Golf von Thailand. Den westlichen Teil musste man Ende Dezember jedoch meiden, weil sich der Grenzkonflikt mit Thailand zuspitzte. Ich wollte vor allem tauchen – und hatte extra meine große Unterwasserkamera im Gepäck. Ich entschied mich für die kleine Insel Koh Rong Sanloem.

Ich wählte das Fischerdorf M’Pai Bay als mein neues Zuhause. Als sich die Fähre der kleinen Insel näherte, formten sich vor mir waldbedeckte Berge und einsame Strände. In einer Bucht waren ein paar Häuser versammelt. Wir legten an. Den Rollkoffer ziehend, begab ich mich in den Ort. Auf den ersten Blick wirkte M’Pai Bay sehr touristisch. Am Strand stapelten sich (selbstgezimmerte) Liegen. Entlang der Hauptstraße reihten sich kleine Restaurants, Läden und Hotels. Doch die Gebäude wirkten rustikal, irgendwie einfach. Auf der zentralen Straße waren viele Touristen unterwegs, doch meine Unterkunft lag am Rande der Stadt. Nach nur einer Minute hatte ich den winzigen Ort durchquert. Die Hauptstraße endete und zerteilte sich in schmalere Wege, gesäumt mit kleinen Häusern, Tieren, einer Müllhalde und verwilderten Gärten. Jugendliche spielten auf einer staubigen Fläche Fußball. Vor einer Holzhütte saß ein Franzose, der mich begrüßte und beiläufig erzählte, dass er seit Jahren hier lebe. Mein Ziel war das vorletzte Haus am Rande des Waldes. Im Erdgeschoss des Gebäudes lebte die Familie und oben lagen ein paar Gästezimmer. Die Familie hatte mich bereits erwartet und begrüßte mich begeistert. Der kleine Sohn, Tschin Tschan, versuchte sofort, mir auf den Rücken zu klettern. Keiner sprach Englisch, aber man zeigte mir das Zimmer und ich zahlte den Betrag, den sie in einen Taschenrechner getippt hatten. Ich war zufrieden: Hier war es ruhig, die Leute waren angenehm. Ich würde mich wohlfühlen.

Als Erstes erkundete ich den Ort und war erleichtert. Abseits der Hauptstraße war es nicht so voll. Zwar gab es überall im Ort Unterkünfte und Restaurants, doch viele dieser Lokale hatten einen authentischen Charme. Zum Beispiel das Dara Restro: Die Eigentümer hatten aus Holz mehrere Plattformen an die steile Klippe gezimmert. Über dem Meer schwebend, wurde man bedient. Für circa fünf Euro gab es fantastische Pizzen und Burger. Ich fand einen kleinen Laden, ein Frühstücksrestaurant am Strand, den lokalen Bäcker. Ich war angekommen und zu Hause. Was für ein herrlicher Ort.

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich auf dem Meer. Ich wollte tauchen – und war gespannt auf die hiesige Unterwasserwelt. Beim Sprung ins Meer war ich sofort von einem grauen Nebel umgeben. Das Wasser ist durch Schwebstoffe erstaunlich trüb. Man sieht nur wenige Meter weit. Das ist prinzipiell kein Problem, kann es doch bedeuten, dass das nahrhafte Wasser besonders viele Pflanzen und Tiere hervorbringt. Und so war es tatsächlich. Am Meeresgrund fand ich ein spannendes Biotop vor. Unzählige Schwämme, Korallen und verzweigte Wasserpflanzen bedeckten den Grund. Dazwischen lebten vor allem Seeigel, aber auch vielerlei Fische und Muscheln. Zwei Tage lang schwebte ich durch die schemenhafte Unterwasserwelt, aus der immer wieder bunte Fische auftauchten. Es war großartig!

Am ersten Tauchtag wagte ich ein zusätzliches Abenteuer. Es war der Heilige Abend, doch weit weg von zu Hause hatte ich für Weihnachten ohnehin keine Pläne. Ähnlich ging es meiner Tauchlehrerin, die aus Mexiko kam. Also entschieden wir, in der Nacht noch einmal die Unterwasserwelt zu besuchen. Der hölzerne Kutter brachte uns hinaus aufs Meer, bis wir die Lichter des Ortes nur noch in der Ferne glimmen sahen. Mit Taschenlampen ausgerüstet sprangen wir vom Boot – und waren sofort von pechschwarzer Dunkelheit umgeben. Unter Wasser scheinen die Lampen nur wenige Meter weit, bevor sich der Lichtstrahl verliert. Manchmal glitzern Schwebstoffe im Licht, oder ein Fisch verirrt sich in den Schein. Ansonsten waren wir in Schwarz gehüllt, während wir ins Meer hinabsanken. Der Computer am Handgelenk misst die Tiefe. Nach etwa zehn Metern tauchte unter uns der Grund auf. Nun konnte der Lichterschein die Silhouetten des schlafenden Riffs ertasten. Wir tauchten eine Stunde lang durch eine stille, finstere und friedliche Welt. Ich glaube, der Reiz des nächtlichen Tauchens liegt genau in dieser Dunkelheit. Als wir eine Sandbank fanden, ließen wir uns auf den Boden sinken und schalteten die Lichter aus. In Finsternis gehüllt, hörten wir nur die dumpfen Geräusche der Unterwasserwelt. Wir begannen mit den Armen zu rudern und ringsumher erglommen winzige Lichter. Rund um Koh Rong Sanloem lebt biolumineszierendes Plankton. Bewegungen im Wasser bringen es zum Leuchten. Wir setzten unseren Tauchgang fort. Ich muss zugeben, in der Dunkelheit hatte ich ein wenig Mühe, die Kamera zu bedienen, das Licht einzustellen und gleichzeitig meine Tauchpartnerin nicht zu verlieren. Doch am Ende war ich froh, dass es mir gelungen war, einige Bilder aufzunehmen.

Nach zwei Tagen unter Wasser wollte ich noch andere Ecken der Insel erkunden. Auf der Südseite liegt der Sunset Beach. Der Strand ist von Dschungel umgeben und kann nur mit dem Boot oder durch eine mühsame Wanderung über einen Bergkamm erreicht werden. Ich entschied mich für ein kleines Motorboot, das mich von M’Pai Bay zum Sunset Beach brachte. Ich schleppte meinen riesigen Rollkoffer über den Sandstrand. Sunset Beach war eine eigene kleine Welt: ein Streifen aus Sand zwischen wogenden Wellen und einer dichten grünen Wand des steilen Bergwaldes. Ein paar wenige Häuser standen hier. Ich hatte ein Einzelzimmer in einem kleinen Hotel. Außerdem gibt es noch ein paar Hütten und Zelte, die man mieten kann. Das ist alles. Viel ist hier nicht los, aber genau das ist der Reiz. Zwei Nächte und einen Tag lang wollte ich bleiben. Baden, den Strand hinauf und hinunterlaufen, im Sand liegen, den Sonnenuntergang beobachten. Mehr gab es nicht zu tun. Und tatsächlich fühlte sich das ganz eigenartig an. Nachdem ich wochenlang in einem hohen Tempo durch das Land gereist war, musste ich erst einmal wieder lernen, mit dem Nichtstun klarzukommen. Ich sprach mit niemandem, denn die anderen Besucher des isolierten Strandes waren in Bücher vertieft oder saßen schweigend im Sand. Es war so still wie in einer Kirche. Doch das ruhige Leben begann, mir Spaß zu machen. Ich sprang immer wieder ins Meer und bestellte viele leckere Mahlzeiten, die ich direkt am Strand verzehren konnte. Es gab deutsches Schnitzel mit Pilzsoße, dazu Dosenbier. Was will man mehr? Am Abend machte der Sunset Beach seinem Namen alle Ehre, als die sinkende Sonne das Wasser glänzend gold färbte.

Am nächsten Tag wurde ich dann aber doch unruhig und so machte ich mich auf den Weg zur anderen Seite der Insel. Ein schmaler Pfad führt dorthin. Im Wald wurde ich von Moskitos verfolgt. Doch nach einer halben Stunde entdeckte ich breite Wege, die in den dichten Wald geschlagen wurden. Beginnt auch hier die Abholzung? Ich weiß es nicht. Kurz darauf erreichte ich Saracen Bay. Das ist der touristischste Ort der Insel. Fischer sucht man hier vergeblich, doch Häuser gibt es viele. Hotels, Resorts, Bungalows und Hostels reihen sich aneinander. Sogar ein Supermarkt steht am Strand. Hunderte Touristen saßen auf den Liegen im Sand und zogen lange Gesichter. Denn das Meer wütete. Ein Sturm peitschte die Wellen über den Sand. Es war kalt, grau und ungemütlich. Nach einigen Minuten trat ich den Rückzug an. Auf meiner Seite der Insel war alles friedlich und das Meer spiegelglatt. Die hohe Bergkette im Inneren der Insel hält den Wind wohl sehr gut zurück.

Am nächsten Morgen sah ich vertraute Gesichter. Ein Holzboot hatte angelegt. Und darauf war die altbekannte Tauchcrew versammelt. Sie hatten es mir schon mitgeteilt. Der Sturm auf der Nordseite zwang sie, heute im Süden zu tauchen, und ich wollte mich anschließen. Noch einmal ins Wasser, darauf freute ich mich. Die Sicht auf der Südseite war noch schlechter als im Norden. Heute waren wir eine recht große Gruppe von fünf Leuten, und wir mussten uns bemühen, uns nicht zu verlieren. Oft sah ich die anderen Taucher nur noch schemenhaft. Aber auch hier war die Unterwasserwelt spannend. Wir sahen zwei Tintenfische, die sich minutenlang beobachten ließen. Es war ein schöner Tag.

Noch einmal bezog ich mein kleines Zimmer am Rande von M’Pai Bay. Am nächsten Morgen wollte ich die Fähre nehmen. Die kleine Familie empfing ich mit großem Hallo und Umarmungen – und Tschin Tschan versuchte mal wieder, auf mich zu springen. Immer noch konnten wir kein Wort miteinander sprechen, aber sie freuten sich offensichtlich von Herzen über meine Rückkehr.

Der letzte Morgen auf der Insel betrübte mich. Ich kannte den winzigen Ort inzwischen gut, und grüßte viele Leute, wenn ich durch den kleinen Ort ging. Selbst einige der Straßenhunde hatten sich mit mir angefreundet. Ich sah die Tauchcrew ablegen, während ich auf meine Fähre wartete. Wenig später verließ ich die kleine Insel, die mir so schnell ans Herz gewachsen war.

Ich erreichte Sihanoukville und nahm einen Bus nach Kampot, die letzte Station auf meiner Reise. Die kleine Stadt liegt an einem Fluss, und ganz in der Nähe befindet sich das Meer. Nun fühlte es sich schon nach Abschied an. Ich trauerte der Insel hinterher und machte mich widerwillig, aber pflichtbewusst auf den Weg, Kampot und Umgebung zu erkunden. Mit dem Motorroller fuhr ich nach Kep, einer kleinen Stadt in der Nähe. Dort gibt es einen Krabbenmarkt. Der begeisterte mich dann doch. Unter den bunten Dächern von Schirmen und Zelten reihten sich die Stände der Verkäufer aneinander. Auf Tischen und Kisten stapelten sich Krebse und Fische. Die konnte man kaufen und auch direkt vor Ort zubereiten lassen. Der Markt war völlig vernebelt vom Rauch der Grills.

Bekannt ist die Region aber vor allem für Pfeffer. Es gibt Dutzende Pfefferfarmen rund um Kampot. Das Gewürz aus dieser Gegend wird oft als der beste Pfeffer der Welt bezeichnet. Ich fand per Zufall Sothy’s Pepper Farm. Dort traf ich auf Kim. Er führte mich über die Felder. Die meisten Pfefferfarmen bieten kostenfreie Touren an. Sie hoffen, dass man ein bisschen Pfeffer kauft. Kim erzählte, dass die Farmen erst in den 2000er Jahren wieder aufgebaut wurden. Während der Terrorherrschaft der Roten Khmer war Pfeffer als Luxusgut bezeichnet, das es in einem kommunistischen Staat nicht geben sollte. Die Farmen wurden geschlossen. Die Pfefferbauern flohen oder endeten in der Zwangsarbeit. Sothys Pfefferfarm ist seit 14 Jahren in Betrieb.

Stolz zeigte uns Kim die Felder. Der quarzhaltige Boden in Kombination mit der salzigen Seebrise ermöglicht den einzigartigen Geschmack, so erklärte er. Dazu kommt eine aufwendige Pflege der Pflanzen. Auf Sothys Pfefferfarm wird der Dünger von Hand hergestellt. Die wichtigste Zutat ist Fledermauskot. Es war spannend, in die Geheimnisse der Pfefferwelt einzutauchen. Und von den Herausforderungen zu lernen. Das veränderte Klima tötet viele Pflanzen bereits nach rund 20 Jahren – früher konnten sie oft 30 Jahre alt werden.

Am Ende der Tour verabschiedete sich Kim mit einem deutschen Sprichwort, das er extra gelernt hatte. Er hoffe, dass ich bald mal wiederkäme – dorthin, wo der Pfeffer wächst. Warum eigentlich nicht? Es ist ein toller Ort.

Abschließend besuchte ich den Bokor-Hill-Nationalpark. Es ist ein dichter Wald auf einem Felsenplateau. Rund eine Stunde lang quälte ich mein Moped die steilen Serpentinen hinauf. Oben finden sich die Überreste einer französischen Siedlung, in den 1920er Jahren errichtet. Die Kolonialmächte nutzten den Berg für eine Ferienanlage. Die kleine Geisterstadt ist gut besucht. Familien kommen zum Picknick. Und junge Liebespaare spazieren schüchtern über das Gelände, verborgen vor den strengen Augen ihrer Eltern.

Nur wenige Kilometer weiter steht heute ein riesiges Casino, größer als die meisten Einkaufszentren Berlins. Dort versammeln sich zumeist chinesische Gäste. Ringsumher entstehen neue Hotels, mitten im Nationalpark.

Ich blieb nicht mehr lang, denn inzwischen war es spät. Ich machte mich auf den Rückweg und besuchte noch den Fluss im Stadtzentrum von Kampot. Der Ort ist ganz nett, dachte ich, ein ruhiger Ausklang einer wunderbaren Reise.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Phnom Penh und tags darauf verließ ich das Land. Ich flog für ein paar Tage nach Bangkok, wo ich den Jahreswechsel feiern wollte. Von dort ging es wenig später nach Nepal, für einen Filmdreh, der einige Wochen dauern würde.

Kambodscha hat mich überrascht und in seinen Bann gezogen. Die bunten und chaotischen Orte begeisterten mich, ebenso die verwilderten Tempelanlagen und die wunderschöne, vielseitige Natur. Von dichten Regenwäldern über weite Flusslandschaften bis hin zu tropischen Inselparadiesen hat das Land alles zu bieten. Vor allem aber bleiben mir die Menschen im Gedächtnis: Sie sind so herzlich und freundlich, suchen Kontakt ohne Hintergedanken und wollen gute Gastgeber sein. Sie haben so viel Leid erfahren, doch arbeiten mutig und fleißig an einer besseren Zukunft für ihr Land. Das hat mich am meisten berührt.

Seit meiner Abreise hat sich mein Alltag stark verändert. Die Zeiten des leichtherzigen Entdeckens sind erstmal vorüber. In Nepal haben wir in sechs Wochen ein enormes Arbeitspensum bewältigt. Seit Mitte Februar bin ich wieder in Deutschland und arbeite an der Postproduktion des Nepalprojekts. Parallel bereite ich den nächsten Dreh vor. Bereits in zwei Wochen werde ich in Panama sein.

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